Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
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Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
 
Arne Dahl - Sieben minus eins
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"In manchen Nächten" von Monika Kristensen

Ein Toter in Barentsburg
Kommissar Knut Fjeld ermittelt in seinem zweiten Fall
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Monica Kristensen gelingt mit „In manchen Nächten“ ein glaubhafter Whodunnit-Krimi, wahrscheinlich unbeabsichtigt, aber gut komponiert und spannend zu lesen – nicht zuletzt dank der faszinierenden, fremden arktischen Landschaft.

Eigentlich ist die Zeit des klassischen Whodunnit-Krimis im Stil von Agatha Christie schon lange vorbei – zumindest in der Literatur; im Fernsehen erfreut sich ja Inspector Barnaby erfreulicher Vitalität, neuerdings in der Cousin-Version. Doch der letzte Versuch eines renommierten skandinavischen Autors – Anne Holt, 2008, mit „Der norwegische Gast“ -, einen Puzzlekrimi als Spiel mit dem Genre und „charmante Verbeugung vor den Klassikern des Kriminalromans“ zu schreiben, misslang. Der Roman genügte nicht den ästhetischen Maßstäben und die Figur der an den Rollstuhl gefesselten Hanne Wilhelmsen als kongenialer Detektiv wusste nicht zu überzeugen. Doch mit Monica Kristensen hat sich jetzt eine Landsmännin Anne Holts daran gemacht, uns noch einmal eines Besseren zu belehren.
In ihrem neuen Krimi „In manchen Nächten“ dient das abgelegene, arktische Barentsburg auf Spitzbergen als Kulisse für einen zunächst mehr schlecht als recht als Unfall getarnten Mord: Der 53-jährige Ivan Makanin ist in einen Betonmischer gefallen – ein Arbeitsunfall, so behaupten es der Konsul von Barentsburg und der Bergwerksdirektor. Um die Formalitäten abzuwickeln, wird Kommissar Knut Fjeld, den wir in Monica Kristensens deutschem Debüt „Suche“ kennen lernen durften, vom Festland in die russische Enklave auf der abgelegenen Insel gerufen. Er begegnet uns in einem desolaten Zustand, dennoch stößt er bald auf Merkwürdigkeiten und Ungereimtheiten. Da zunächst ein Seenotruf und anschließend schlechtes Wetter Fjelds Rückkehr mit dem Helikopter nach Longyearbyn verhindert, sind damit die äußeren Bedingungen für das klassische Krimi-Setting mit der notwendigen Isolation der Verdächtigen schnell und ganz natürlich gegeben. Auch die knapp 2000 russischen Einwohnern von Barentsburg ergeben ohne große Ideen bemühen zu müssen von ganz alleine einen geschlossenen Kreis der Verdächtigen. Als nächstes stirbt der Bergwerksdirektor; auch das könnte noch ein Unfall gewesen sein, doch als zwei weitere Menschen sterben, ist offensichtlich, dass es sich um Mord handelt – und dass alle vier Todesfälle miteinander in Verbindung stehen und mit einem grausamen Ereignis in dem ukrainischen Dörfchen Pischane 1974 zu tun haben. Mehr oder wenig auf sich selbst gestellt, mit schwindender Kapazität seines Handy-Akkus, der einzigen Verbindung zu seinen Vorgesetzten in Longyearbyn, und „allein unter Russen“, deren Sprache und Kultur ihm fremd ist, macht sich Knut Fjeld daran, trotz widriger Umstände zu ermitteln – und es funktioniert!

Die durch die natürlichen Bedingungen gegebenen Grenzen und Einschränkungen hinsichtlich des Handlungsverlaufs, des Ortes und der Zeit, erweisen sich für die Erzählung nicht als behindernd und eingrenzend, sondern fügen sich zu einem stimmigen Ganzen. Die Atmosphäre wirkt authentisch, und auch hier kommt dem Roman, wie schon der Geschichte in „Suche“, Monica Kristensens Wissen über Barentsburg, die Arbeits- und Lebensbedingungen der russischen Bergleute dort und das oft schwierige, von Missverständnissen und Misstrauen geprägte Verhältnis von Russen und Norwegern auf Spitzbergen zugute. Wahrscheinlich ist, dass Monica Kristensen gar nicht den Plan, einen Wohdunnit-Krimi zu schreiben, verfolgte und „In manchen Nächten“ deswegen und gerade trotz des Whodunnit-Settings so gut funktioniert. „In manchen Nächten“ ist weniger dicht und literarisch als „Suche“ und „kriecht“ seinen Figuren auch nicht ganz so tief in die Seele wie bei der Suche nach der 5-jähren Ella, aber weder kann man sich der Faszination der arktischen Landschaft entziehen, noch der Neugier, mehr über die Menschen zu erfahren, die dort (freiwillig?) arbeiten und leben, Einhalt gebieten. So ist „In manchen Nächten“ ein gut komponierter Krimi mit einem zugleich spannungsreichen und offen gehaltenen Ende, der vor allem von seiner ungewöhnlichen Kulisse und einer uns völlig fremden Welt profitiert.

Vielen Dank an Alexandra Hagenguth
© Februar 2014 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien

"Suche" von Monika Kristensen

Kein weißer Fleck mehr: Spitzbergen
Polarforscherin startet eine Reihe Spitzbergen-Krimis
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Die renommierte norwegische Polarforscherin und Arktisexpertin Monica Kristensen legte 2007 in ihrer Heimat ein erfolgreiches Krimidebüt hin. „Hollendergraven“ war der erste von mehreren geplanten Spitzbergen-Krimis. Mit „Suche“ liegt nun ihr zweiter Spitzbergen-Krimi als Erster auf Deutsch vor. Der Roman spielt Mitte der Neunziger Jahre auf dem in der Arktis gelegenen Inselarchipel Spitzbergen, das auf Norwegisch „Svalbard“ heißt; nur die Hauptinsel wird auch im Norwegischen als Spitzbergen bezeichnet. Mitten im arktischen Winter, in tiefster Dunkelheit und bei minus 20 Grad, verschwindet die fünfjährige Ella scheinbar spurlos aus dem Kindergarten. Eine fieberhafte Suche bei Eiseskälte, die den Lesern das Blut in den Adern gefrieren lässt, beginnt.

Ganz Skandinavien ist von Mördern besetzt. Ganz Skandinavien? Nein, eine von rund 2.500 Einwohnern und etwas mehr Eisbären bewohnte Inselgruppe, zwischen Nordatlantik und Arktischer Ozean gelegen, blieb bis vor kurzem verschont: Spitzbergen. Doch es war nur eine Frage der Zeit, bis sich auch für das zu Norwegen gehörende Archipel ein Autor fand, der diesem auf der Krimilandkarte bis dato noch weißen Fleck eine Krimiserie schrieb und seinen Bewohnern dabei tief in die Seele blickt. „Suche“ heißt der erste auf Deutsch vorliegende Spitzbergen-Krimi aus der Feder der renommierten norwegischen Polarforscherin, Arktis- und Antarktis-Expeditionsleiterin sowie Glaziologin Monica Kristensen. Von 1998 bis 2003 war die 1950 im schwedischen Torsby geborene Kristensen zudem Direktorin der Kings Bay GmbH, der Kohlebergwerksgesellschaft in Ny-Ålesund auf Spitzbergen. So ist es auch kein Zufall, dass ihr in Norwegen bereits 2008 veröffentlichter Krimi „Suche“ (2007 erschien in Norwegen mit „Hollendergraven“ bereits Band 1 ihrer Reihe von Spitzbergen-Krimis) auf Spitzbergen spielt und sowohl Kristensens profunde Kenntnisse als Polarforscherin als auch als Bergwerksdirektorin der Handlung zugrunde liegen. Und natürlich spielen die arktische Landschaft, die viermonatige absolute Dunkelheit und die Kohlegruben, die verlassenen wie die, die noch in Betrieb sind, ihre eigene, wichtige Rolle.

Ella, 5 Jahre, verschwunden – Bei minus 20 Grad und absoluter Dunkelheit

Die Geschichte spielt Mitte der Neunziger. Ella, ein fünfjähriges Mädchen, verschwindet eines dunklen, kalten Nachmittags Mitte Februar spurlos aus dem Kindergarten in Longyearbyen, dem Hauptort der Hauptinsel Spitzbergen, denn Spitzbergen, muss man wissen, umfasst eine ganze Anzahl von Inseln, wovon Spitzbergen nur eine und die Größte ist. Im Norwegischen heißt das Archipel „Svalbarð“: „Kühle Küste“. Nur im Deutschen meint Spitzbergen sowohl die gesamte Inselgruppe als auch die Hauptinsel. Nun verschwindet in einem Ort von knapp 2.000 Einwohnern aber niemand einfach so. Schon gar nicht ein kleines Mädchen, schon gar nicht bei eisiger Kälte von minus 20 Grad und bei absoluter Dunkelheit mitten im arktischen Winter. Doch es stellt sich schnell heraus, dass aus dem städtischen Kindergarten „Kullunge“ (so auch der Titel des Romans im norwegischen Original) immer wieder Kinder verschwinden.



Sie sind nie lange fort und so sind die Erzieherinnen zwar beunruhigt, gehen der Sache aber nicht weiter nach. Bis Ella wie vom Erdboden verschluckt ist und eine fieberhafte Suche beginnt. Polizist Knut Fjeld nimmt als Wachhabender als Erster den Notruf der Kindergartenleiterin entgegen. Schnell stellt sich heraus, dass die kleine Ella und ihre Familie keine Unbekannten für die örtliche Polizei sind. Schon öfter wurde sie zum Haus der erst vor ein paar Monaten nach Longyearbyen gezogenen Familie wegen häuslicher Gewalt gerufen. Hat der Vater, ein Bergwerksingenieur, der in den Kohlegruben von Longyearbyen seine letzte Chance bekommen hat, Ella entführt, um sich an seiner Frau Tone zu rächen, die am Abend zuvor klargemacht hat, dass sie die Scheidung will? Die Suche nach Ella nimmt breiten Raum ein. Bald sind auch Jonas Lund Hagen, Leiter der Mordkommission, und Ermittler Jan Melum aus Oslo vor Ort.

Schmuggel im arktischen Ozean, Bergmythen und eine souveräne Autorin

Kristensen wählt für ihre Geschichte die Perspektive des allwissenden Erzählers und verknüpft zwei zeitlich eng beieinander liegende Handlungsstränge, die am Ende glaubhaft zusammengeführt werden und ein stimmiges Gesamtbild ergeben. Die Vogelperspektive erlaubt es der Autorin zudem, in das Leben und die Gefühle verschiedener Figuren zu blicken; Geschehnisse werden aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert und „mit anderen Augen“ gesehen. Das Bild, das Kristensen von der arktischen Landschaft, den Lebensbedingungen der Menschen dort und ihrer emotionalen Isolation bei gleichzeitiger maximaler physischer Nähe zeichnet, komplettiert sich mehr und mehr im Verlaufe des Romans und lässt einen ebenso spannenden wie flüssigen Erzählrhythmus entstehen. Irgendwann dann saust die Erzählung dahin wie die Schneescooter, auf denen alle, Polizei wie Schmuggler (ja, die kommen auch vor!) und Rentierjäger, Hausfrauen und Kommunalbeamte auf den Wegen und Straßen Longyearbyens dahingleiten. Lediglich in einigen Passagen, die das Schmugglertreiben in arktischer See beschreiben, ist mit Kristensen die Naturwissenschaftlerin und Spitzbergen-Kennerin durchgegangen.


Buchtipp
Camilla Läckberg - Die Schneelöwin


Wo welcher Fjord, deren Namen niemandem südlich von Kristiansand etwas sagen und die niemand südlich von Norwegens sechstgrößter Stadt behalten kann, liegt oder in einen anderen mündet, inklusive Angabe der Breitengrade und Manövrierkünste der Schiffsbesatzungen sind in dieser Detailliertheit zu langatmig geworden. Gut gelungen hingegen ist wieder der Teil der Geschichte, der in den Kohlebergwerken von Longyearbyen spielt. Hier kommt Kristensens exaktes Wissen um die Verhältnisse dort der Erzählung, dem Erzählfluss und dem Handlungsverlauf nicht in die Quere. Im Gegenteil hält sie sich hier mit Expertenwissen gerade so weit zurück, dass sie mit wenigen Sätzen und Beschreibungen stimmige Verhältnisse und eine spannende Atmosphäre erzeugt. Die diesen Textstellen vorangestellten Verse des dreistrophigen „Zechenliedes“, geschrieben vom Tischler Tiller von Namsos, der 1947 in Longyearbyen arbeitete, kongenial übersetzt von Christel Hildebrandt, bilden hier einen ganz eigenen Rahmen für die Parallelhandlung um Ellas Vater, Bergwerksingenieur Steiner Olsen. Gleichzeitig spielt Kristensen damit auf die nordischen Bergmythen an. Sie handeln davon, wie Menschen – zumeist Kinder – von Trollen auf die andere Seite ins Trollreich geholt werden. So verknüpft sich die Suche nach Ella mit der Geschichte ihres Vaters und der Krimi selbst kommt zu seinem würdigen und stimmigen Schluss.

Von kleinen Schwächen also abgesehen, ist Monica Kristensen ein richtig guter Kriminalroman gelungen, mit einer Geschichte, die gut erdacht und spannend aufgeschrieben ist. Ein Krimi, bei dem es einen ob der ständigen Kälte selbst im heimeligen Wohnzimmer friert und bei dem man das Knacken des Berges und der Bergwerksstollen bis in die eigenen vier Wände vernimmt. Die Wissenschaftlerin und Managerin erweist sich als souveräne Autorin. Eine baldige Fortsetzung ist herzlich willkommen.

Vielen Dank an Alexandra Hagenguth
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