Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
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Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
 
Arne Dahl - Sieben minus eins

Tafelfreuden im Dorfkrog

Poul Ørum lässt Jonas Mørck und Knut Ejnarsen Platz nehmen

Eine kulinarische Betrachtung von Frank Göhre

"Wohin gehst du?"
"Ich will mir einen amerikanischen Klappspaten besorgen", sagte Kriminalkommissar Jonas Mørck, stellte seine Hausschuhe in die Diele und zog sich die Schuhe an. Seine Frau sah ihm durch die Küchentür zu. Sie stand am Ausguß und schälte Kartoffeln.
"Was willst du besorgen?" fragte sie.
"Einen Klappspaten."
"Einen was? Soll das ein Spaten sein, den man zusammenklappen kann?"
"Ja. Ich habe den Spaten in einer Anzeige des American Store gesehen. So ein Klappspaten ist nämlich genau das, was ich brauche. Nur fünfzehn Kronen. Das ist gerade noch zu verkraften."
"Wofür braucht man ihn?"
"Um Schützenlöcher auszuheben, nehme ich an. Aber ich will damit nach Würmern buddeln. Ein sehr praktisches Gerät - besser als wenn man eine Schaufel mit an den Strand schleppt."
"Ich verstehe nicht, daß du das kannst", sagte sie und dachte an das Aufspießen der Würmer auf den Haken.
"Ich könnte mich nicht einmal überwinden, die Biester auch nur anzurühren."
"Was hast du denn gegen sie?"
"Ach, nun hör schon auf", sagte sie. Wenn sie in ihrem Häuschen an der Nordsee Ferien machten - und sie wollten am folgenden Tag dorthin fahren -, nahm er immer gern die Gelegenheit wahr, sich in bescheidenem Umfang als Angler zu betätigen. Er ging dann immer bei Ebbe hinaus, spannte eine Schnur zwischen zwei Stöcken und befestigte daran eine Anzahl Haken, an denen die Sandwürmer aufgespießt waren, die er vorher ausgegraben hatte. Manchmal fing er ein oder zwei Flundern. Seine Frau war nur ein einziges Mal dabeigewesen, als er seinen Fang von den Haken abnahm. Sie war aber schnell fortgegangen, wobei sie ihren Abscheu deutlich gezeigt hatte. Das hatte sie allerdings nicht daran gehindert, die Fische mit gutem Appetit zu verspeisen.
"Ich bin von Kindheit an daran gewöhnt", sagte Mørck.
"Das ist auch das einzige, was du zu deiner Entschuldigung anführen kannst", erwiderte sie und trat an die Küchentür. Dort blieb sie stehen und sah zu, wie er seine Schuhe schnürte.
"Wir essen doch sicher noch nicht gleich?" fragte er. "Es dauert bestimmt nicht länger als eine halbe Stunde."
"Ich kenne deine halben Stunden", sagte sie. "Wir essen um halb sieben."
"Was gibt's denn?"
  GRÜNKOHL MIT PINKEL
(für 6 Personen) Grünkohl schmeckt am besten, wenn er Frost bekommen hat. Erhältlich ist er in den Monaten November bis März.

2 kg Grünkohl
2 Zwiebeln
60 gr Schweineschmalz
2 EL Haferflocken
500 gr frischer durchwachsener Schweinebauch
500 gr Kasseler
1 Kochmettwurst
1 Grosse Pinkelwurst
Salz und Pfeffer

Den Grünkohl von den Blattrippen lösen und
gründlich waschen. Kurz in kochendes Wasser geben. Auf einem Sieb gut abtropfen lassen und grob hacken. Die Zwiebeln in Würfel schneiden. Das Schmalz in einem großen Schmortopf erhitzen und die Zwiebeln darin glasig dünsten. Den Kohl hinzufügen, unter Rühren zusammenfallen lassen und mit den Haferflocken vermischen. Mit einem halben Liter kochendem Wasser aufgießen. Den Schweinebauch auf das Gemüse legen und zugedeckt zwei Stunden bei mittlerer Hitze kochen lassen. Bei Bedarf Flüssigkeit zugeben. Nach einer Stunde das Kasseler und die Kochmettwurst zufügen. Nach einer weiteren halben Stunde die Pinkelwurst auf das Gemüse legen. Zum Schluß mit frisch gemahlenem Pfeffer und eventuell mit Salz abschmecken.
"Grünkohl und karamelisierte Kartoffeln, trotz allem, was sie in der Zeitung schreiben."
"Wer schreibt etwas?"
"Na, diese Gourmands, oder wie sie sich nennen."
"Du meinst Gourmets?"
"Ja, die schreiben einen Unsinn zusammen. Ich hab es in der Zeitung gelesen, kurz nachdem ich mir ein Pfund von diesen kleinen Pellkartoffeln gekauft hatte. In Zucker gebackene Kartoffeln, das war nach Meinung eines dieses Feinschmeckers etwas Abscheuliches, eine kulinarische Barbarei. Nun gut, dann sind wir eben Barbaren!"
"Das wird wohl so sein", sagte Mørck und zog seine Windjacke an. "Der Mann ist vermutlich ein Sachverständiger und müßte es also wissen."
"Ich weiß wirklich nicht, was die sich einbilden. Sie können den Leuten doch nicht vorschreiben, was ihnen schmeckt. Es ist ja sogar dein Lieblingsgericht. Leider habe ich die geräucherten Würstchen nicht bekommen, die du so gerne dazu magst. Der Metzger meinte, ich sollte doch geräucherten Schweinekamm nehmen, aber das war mir zu teuer, und so habe ich schließlich ein Pfund Gehacktes für Frikadellen gekauft…Aber was ist los? Du hörst ja gar nicht zu, Jonas!"
Ein Gespräch zwischen Eheleuten. Eine schlichte Sicht auf die Dinge. Biedersinn schimmert durch. Wir sind in Dänemark und hören von einem Gericht, das hierzulande, im Norden der Republik, gern in größerer Gesellschaft eingenommen wird. Mit Bier und anschließend mindestens einem Klaren.
"Du hörst ja gar nicht zu", wirft Marie ihrem Mann in der zitierten Romanpassage vor, und in der Tat - so ist es. Kommissar Jonas Mørck aus Kopenhagen wirkt immer etwas zerstreut, redet oft konfus daher, und seine Fälle löst er entsprechend umständlich und meist im Alleingang. Ein Eigenbrötler also, siebenundvierzig Jahre alt - man mag es kaum glauben angesichts der ihm zugeschriebenen Macken, die eher auf einen mit Seniorenpaß verweisen. Seinem jüngeren, energischen Kollegen Knut Ejnarsen geht das senile Gehabe natürlich wahnsinnig auf den Geist.
"Worüber zum Teufel grinst du eigentlich die ganze Zeit?" blafft er ihn an.
"Ich? Über nichts."
Eine typische Antwort, und Ejnarsen nickt grimmig. Er sieht nämlich auch beim besten Willen keine Veranlassung zur Freude. Die beiden Kommissare haben einen neuen Fall. Eine junge Frau ist erwürgt und übel zugerichtet worden, und die Beamten sind auf dem Weg zum Tatort. Es ist ein langer Weg, der sie von der Hauptstadt in die tiefste Provinz führt. Sie fahren durch eine hohe Tannenschonung einen Hügel hinauf. Vor ihnen liegt weit und flach das Land - Westjütland: "Wo die Nordseewellen trecken an den Strand…"
  KARAMELKARTOFFELN
600 gr kleine Pellkartoffeln
2 EL Zucker
2 EL Pflanzenöl

Das Öl in der Pfanne erhitzen, den Zucker hineinstreuen und bräunen. Die gepellten Kartoffeln hinzufügen und braten, bis sie goldbraun sind.
Karge, von Tannenhecken geschützte Felder wechseln mit Kiefernschonungen ab und verlieren sich zwischen Himmel und Meer am weißen Horizont. Mørck atmet befreit auf. Ihm gefällt die Landschaft. Ejnarsen dagegen stöhnt verzweifelt.
"Großer Gott", meint er. "Ich verstehe nicht, wie jemand auf die blödsinnige Idee verfallen konnte, diese unterentwickelte Gegend dem Königreich Dänemark einzuverleiben."
Er ist mit Leib und Seele ein Stadtmensch und wird uns als hellblonder, athletischer Typ vorgestellt, der bis vor kurzem das absolute As im Ringverein der Polizei gewesen ist. Jetzt aber sind seine Muskeln von einer Fettschicht überlagert und die blauen Augen blutunterlaufen: Zuviel Fernsehen gehabt, zuviel dabei getrunken. Er ist gereizt, weil seine Frau nun mit ihrer Freundin auf Mallorca Urlaub machen wird. Er hat sie ständig im Verdacht, ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu betrügen. Später erwischt er auch einmal einen ihrer Männer.
"Ich bin ihm auf der Treppe begegnet", erzählt er. "Und obwohl wir im zweiten Stock waren, wußte ich sofort, daß er aus dem dritten gekommen war. Dort brannte das einzige Licht im Haus. Cilie flitzte in Unterwäsche herum und räumte auf, nachdem sie ihre Leckerbissen spätabends zu sich genommen hatten - sie würde nie im Traum daran denken, mir zu dieser nächtlichen Stunde oder irgendeiner anderen Tageszeit appetitliche Brotschnittchen mit Schinken und Pfefferkäse darauf zu machen." -
  DANSK SMØRREBRØDS
Weiß-, Grau- oder Schwarzbrotscheiben mit Butter bestrichen und jeweils belegt mit Garnelen, Hummerfleisch, Kaviar, Räucherlachs, Sardellen, Dorschrogen, Räucheraal, Räucherhering, Bismarckhering, Gänsebrust, Gänseleber, gekochter Rinderbrust mit Meerrettich oder Remoulade, rohem und gekochtem Schinken, Tatar mit Ei, Käse.
Dansk Smørrebrøds, die Ejnarsen nur zu gerne ißt. Mørck und Ejnarsen haben inzwischen ihr Ziel erreicht: Vestersø, ein Zweitausend-Seelen-Kaff, liegt vor Meerwinden geschützt in einer Bucht gleichen Namens. Unmittelbar nördlich des Ortes beginnt die Dünenlandschaft. Zum breiten, weißen Badestrand sind es zwei Kilometer. Südlich der Stadt sind Marschwiesen und das Wattenmeer. Vestersø ist ein altes Seemanns- und Fischerdorf mit reetgedeckten Häusern im friesischen Stil. Es gibt ein Badehotel und ein Wirtshaus mit elf Zimmern. Dort, im Dorfkrog, richten sich die beiden Beamten ein: In der in braunen Farbtönen gehaltenen Gaststube herrschte trotz des hellen Sonnenlichtes, das, vom graublauen Licht der Meeresbucht reflektiert, durch die Fenster fiel, eine angenehm gedämpfte, gemütliche Atmosphäre. Rauchgeschwärzte Balken unter der Decke und dazwischenliegende einst weiße, nunmehr schwach tabakgelbe Flächen trugen zur Verstärkung dieses Eindrucks bei. Die Wände waren mit dunkelgebeiztem Kiefernholz getäfelt. Auf den Tischen lagen flaschengrüne Tischtücher. Es war halb fünf, und die Gaststube war leer. Die junge Kellnerin saß hinter der Theke und strickte. Sie hatte ein blasses, etwas rundliches Gesicht, und ihr helles Haar hob sich von den dunklen Flaschen und glänzenden Gläsern ab, die hinter ihr auf den Regalen standen. Sie legte ihr Strickzeug beiseite, nachdem sie an einem der drei Fenstertische Platz genommen hatten.
"Was darf es sein?" Sie sprach keinen Dialekt, aber der Akzent war unverkennbar. Wenn Frauen in Westjütland miteinander sprechen, schwingt oft ein klagender Ton mit, dachte Mørck. Ejnarsen dachte an Smørrebrød und bestellte sich zwei Stück.
"Was gibt es als warme Mahlzeit?"
  RIPPCHEN MIT ROTKOHL
Gepökeltes und geräuchertes Schweinsrippenstück (Kasseler Rippenspeer) mit etwas Fett in der Pfanne braten. Gehackte Zwiebel- und Apfelscheiben in Gänseschmalz anschwitzen, den feinstreifig geschnittenen Rotkohl und etwas Fleischbrühe zugeben, mit Salz, Piment und Wacholderbeeren würzen und zugedeckt langsam dünsten. Zuletzt mit etwas Zucker abschmecken.
"Gebratene Rippchen mit Rotkohl. Aber erst nach sechs."
Ein kräftiges Essen in einem idyllisch gelegenen Dorfkrog. So ist das durchgehend bei den beiden Kommissaren. Immer wieder verschlägt es sie von Kopenhagen aus aufs Land - nach Jütland, Fünen und anderswohin: Sie hielten an der Ecke Damegade und Gråbrødregade an, wo sich die Kneipe "Zum fidelen Mönch" im Kellergeschoß befand. Die Lichter brannten, obwohl draußen noch heller Tag war, und durch die rauchvergilbten Vorhänge konnten sie die Tische mit den karierten Decken erkennen. Jonas Mørck und Knut Ejnarsen treten ein und nehmen Platz. Und schon ist erst einmal das Mittagessen angesagt. Eine Klappe öffnet sich in der dunkelgetäfelten Wand hinter der Bar, wo die Flaschen auf Regalen geordnet waren. Ein Tablett wurde durchgeschoben, und aus der Küche tauchte der Wirt auf, ein Geschirrtuch oben in die Hose gesteckt.
"Bereiten Sie das Haschee selbst zu?" fragte Mørck.
  KARTOFFELPÜREE
Geschälte Kartoffeln in Salzwasser kochen, abgießen, pürieren. Mit etwas Butter im Topf trockenrühren, mit Salz, Pfeffer und Muskatnuß würzen und heiße Milch darunterziehen, bis das Püree sahnig und locker ist.
"Ja. Landratten bringen nie ein anständiges Haschee zustande. Das können nur Seeleute."
Am nächsten Abend sitzt Mørck dann um etwa halb neun im Café "Drei Kronen" bei einem Bier und schaut hinaus auf den verlassenen Rådhusplads. Ein leichter Sprühregen fällt, und die Fenster des Cafés glitzern vom Wasser, das an ihnen heruntertropft. Er fühlt sich träge und faul: Ein Gefühl der Leere hatte ihn überwältigt… Für ihn und Ejnarsen gab es hier nichts mehr zu tun. Der Fall würde abgeschlossen werden mit der Untersuchung der Leiche...
Ihm fiel ein, daß er die Fotos nicht zurückgegeben hatte. Eines Tages wirst du gehen und dich selbst vergessen, sagte seine Frau in irgendeinem fernen Winkel seines Bewusstseins.
  LABSKAUS
500 g Pökelrinderbrust mit Zwiebeln und etwas Lorbeer in Wasser ganz weich kochen, herausnehmen und kleinschneiden. In dem Brühfett 500 gr Zwiebeln helldünsten, in Brühe weichkochen. 1 kg Kartoffeln stampfen. Fleisch, Zwiebeln und Kartoffeln vermischen und mit der Brühe breiigrühren. Geraspelte rote Beete beifügen, mit Pfeffer und etwas Senf abschmecken. Mit einer Salzgurke und Spiegelei anrichten.
Ebenso hatte er vergessen, sie anzurufen, um zu sagen, daß er morgen früh nach Lolland fahren würde, um einen neuen Mord zu untersuchen.



Drei Fälle lösen Jonas Mørck und Knut Ejnarsen zusammen. Unter den Titeln "Einer soll geopfert werden", "Was ist Wahrheit" und "Stumme Zeugen" sind sie erschienen - Kriminalromane von Poul Ørum. Es sind ruhig erzählte und unspektakuläre Geschichten. Sie enthalten viel Atmosphäre, machen Lust auf das Land, auf entspannte Abende in einer behaglichen Unterkunft - in einem Dorfkrog. Genau die richtige Urlaubslektüre für verregnete Tage.



© Frank Göhre
Januar 2007 - Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien
Die Geschichte erschien zuerst in "Frühstück mit Marlowe" - Rezepte und Geschichten im Wunderlich Verlag, Reinbek 1991 - Überarbeitete und erweiterte Ausgabe Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek 1997


Frank Göhre
 
Frank Göhre - 1943 geboren, hat als Buchhändler, Bibliothekar und Verlagsangestellter gearbeitet. Seit 1981 lebt er als Autor für Film und Fernsehen in Hamburg. Er schrieb u.a. den Kino-Hit "Abwärts", "Tatort"- "Cobra 11"- und "Großstadtrevier"-Folgen. Sein Roman "St. Pauli Nacht" wurde von Sönke Wortmann verfilmt. Für das Drehbuch wurde Frank Göhre mit dem "Deutschen Drehbuchpreis" ausgezeichnet. Er ist auch der Herausgeber der Friedrich Glauser Romane im Arche Verlag Zürich.
Sein neuester Krimi "Zappas letzter Hit" erschien im letzten Jahr im Pendragon Verlag und schaffte es in die Krimi-Bestenliste. "Zappas letzter Hit" setzt die sehr erfolgreiche "Kiez-Triologie" von Frank Göhre fort.

Weitere Informationen:

www.pendragon.de
www.frankgoehre.de
www.archeverlag.ch



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© 2001 - 2016 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien
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