Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
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Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
 
Arne Dahl - Sieben minus eins
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"Opferzahl" von Arne Dahl

Wo bleibt die Moral?
Arne Dahl führt uns an unsere Grenzen
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Ein Knopfdruck und das Leben deiner kleinen Tochter ist ausgelöscht. Doch du hast die Chance, dies zu verhindern. Wenn du alle Skrupel über Bord wirfst und die moralische Grenze, ganz im Sinne von „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, überschreitest. Wie weit gehst du?

Madrid 2004, London 2005, Stockholm 2005. Stockholm 2005? Als Arne Dahls „Opferzahl“ erstmals 2006 in Schweden erschien, lagen die durch Islamisten ausgelösten Terroranschläge von Madrid und London gerade zwei beziehungsweise ein Jahr zurück; Stockholm dagegen stand sein erster realer Terroranschlag am Sonnabend des dritten Adventswochenendes 2010 noch bevor, doch schon kurz nach den Terrorattentaten von London 2005 begann Arne Dahl mit seinem neunten Roman über die A-Gruppe, mit einem der Realität vorweggenommenen Terrorattentat in der Stockholmer U-Bahn. Das ruft natürlich nicht nur die A-Gruppe auf den Plan, sondern die Reichskriminalpolizei ebenso wie die Säpo, die schwedische Sicherheitspolizei. Und das sind nicht die einzigen Verwicklungen, es ist schließlich ein Dahl!
Und ein Dahl bleibt sich treu.
Das fängt damit an, dass der regelmäßige Dahl-Leser schon bei der Zusammenfassung der abgeschlossenen Fälle der einzelnen Mitglieder der A-Gruppe ahnt, dass diese später noch eine Rolle spielen werden und hört noch lange nicht damit auf, dass man erfährt, dass mindestens ein Polizist eine zwielichtige Rolle in diesen umfangreichen Ermittlungen spielt. Doch bei allen losen Fäden, die Arne Dahl gewohnt routiniert zusammenbringt, geht es im Kern doch um die Frage, „(w)ie wir dem Bösen begegnen.“ (Arne Dahl, Opferzahl, Piper 2011, S. 401)

Wie gehen wir mit dem Bösen um, wenn wir ihm begegnen?

In der Regel tun wir dies, indem wir moralische Maßstäbe anlegen. So agieren auch die Mitglieder der A-Gruppe. Doch jenseits davon gibt es eine Berufsgruppe, die – so die Antwort, die Dahl einem „sogenannten internationalen Experten“ des schwedischen Geheimdienstes in den Mund legt – nicht mit moralischen Bewertungen arbeitet: die Geheimdienste. Sie ignorieren die religiösen, moralischen und metaphysischen Aspekte des „Bösen“, orientieren sich stattdessen an der „praktischen Realität“ (vgl. S.402 und 404) und gehen „sehr technisch“ vor (S.401). Denn „(f)ür die, mit denen wir es zu tun haben, ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man sich an einem Kind vergreift.“ (S.402) Die, gegen die „die sogenannten Guten“ (S.402) kämpfen, haben keine Skrupel, keine moralischen Bedenken: „Auge um Auge geht nicht bei dieser Art von Menschen.“ (S.402) So scheint es folgerichtig, moralische Bewertungen außen vor zu lassen. Dennoch sind die Guten immer im Hintertreffen, denn sie „schleppen eben noch etwas Großes mit (sich) herum. Das, was man Leben nennt.“ (S.402) Deshalb sind auch Kerstin Holm und ihre Mannen schlussendlich im Nachteil bei den Ermittlungen. Zwar beherrschen auch sie die technische Seite ihres Jobs, ermitteln in Zweierteams in alle Richtungen, tragen wichtige Informationen zusammen, doch fehlt ihnen das letzte Puzzleteil, um ein Gesamtbild zu bekommen, da zwei Mitglieder der A-Gruppe aus persönlichen, privaten Gründen wichtige Informationen – lange – zurückhalten. Wie also bleibt man ein moralischer, anständiger Mensch, wenn man tagein, tagaus mit „dem Bösen“ konfrontiert wird? Mit Personengruppen, die nicht dieselben moralischen Bewertungen zugrunde legen, wie wir selbst? Die überhaupt keine moralischen Bedenken und Skrupel kennen? Wie lange kann man dabei selbst rechtschaffen und ein achtbarer Mensch bleiben, ohne korrumpierbar zu werden?
Die Grenze ist fließend, und während man die Skrupellosigkeit des Verbrechers verdammt, kommt man nicht umhin, Verständnis und Zustimmung für denjenigen aufzubringen, der versucht, das Recht in die eigene Hand und „Auge um Auge“ Rache an demjenigen zu nehmen, der droht, ihm das Liebste im Leben ohne mit der Wimper zu zucken zu nehmen. Leben gegen Leben: Arne Dahl stellt uns in „Opferzahl“ auf eine harte Probe, Theorie gegen Praxis. Wie würden Sie entscheiden?

Vielen Dank an Alexandra Hagenguth
© März 2011 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien

"Totenmesse" von Arne Dahl

Ein Dahl ist ein Dahl ist ein Dahl
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In „Dunkelziffer“ bleibt Arne Dahl hinter seinen Möglichkeiten, aber auch eine Klasse für sich

Ein Pädophilennetzwerk und ein Geheimorden - das gab es bei Arne Dahl bereits in „Falsche Opfer“ und „Misterioso“. In „Dunkelziffer“, dem achten Band um die Stockholmer A-Gruppe, vermag Dahl diesen Themen nichts Neues hinzuzufügen, enttäuscht in der Schilderung der Motive und Motivation der Handelnden, in der Zusammenführung aller losen Fäden, in der Konstruktion der Geschichte und berührt insbesondere in seiner Schilderung der Pädophilenthematik bei weitem nicht so stark wie in „Falsche Opfer“. Zwar ist ein Dahl ein Dahl ist ein Dahl und damit gemeinhin besser als der Durchschnitt, doch „Adel“ verpflichtet auch, und dieses Mal wird der Autor den hohen Ansprüchen seiner Leser leider nicht vollständig gerecht.

Keine Frage: Arne Dahl hat sich mit seinen Kriminalromanen um die Stockholmer A-Gruppe in den gesamteuropäischen Krimiolymp geschrieben. Auch der achte Band, „Dunkelziffer“, bleibt über weite Strecken über dem Durchschnittsniveau, doch in der diesmaligen Zusammenführung aller Zufälle und Handlungsfäden will sich der gewohnte „Wow“-Effekt nicht einstellen. Stattdessen bleibt der Eindruck eines wie stets engagierten, aber überkonstruierten Krimis.

Das Verschwinden einer 14-Jährigen führt von den Wäldern des nordschwedischen Ångermanlands ins Internet

Komplex, vielschichtig, weitläufig, gesellschaftlich und politisch waren bis dato alle Dahl-Krimis, doch nie hatte man das Gefühl, der Handlungsbogen wird überspannt. Anders bei „Dunkelziffer“, wo in einem blutigen und bombastischen Finale alle Fäden zwar wie gewohnt zusammengeführt werden, aber sich dieses Mal nicht das Gefühl einstellen will, Zeuge grandioser und innovativer Krimischriftstellerkunst geworden zu sein, sondern nur der Eindruck, dass der Autor dieses Mal von allem ein bisschen zu viel gewollt hat, sodass man ihm das Konstruierte an seinem Fall fast nicht mehr verzeihen mag. Zunächst verschwindet in den Wäldern des nordschwedischen Ångermanlands die 14-jährige Emily. Einzige Hinweise - und Begründung, den Fall der A-Gruppe zu übergeben - sind für Kerstin Holm Fahrzeuge mit baltischen Kennzeichen. Schon das ist für Dahls Format enttäuschend schwach motiviert. Hinzu kommt etwas später die Information, dass drei verurteilte Pädophile ganz in der Nähe des Tatorts leben. Der Fall gewinnt an Brisanz, als ein Mann mit durchtrennter Kehle aufgefunden wird. Das Mordinstrument: eine Klaviersaite. Bald gibt es in Stockholm eine zweite Leiche mit ähnlichen Schnittwunden. Die Spuren führen ins Internet, in dem die junge Emily ihre ganz eigene Rolle spielt.

Überkonstruiert

So verbindet Dahl schon zum zweiten Mal nach „Falsche Opfer“ das Thema Pädophilie mit Sexualität - von seiner lebensverneinenden, pervertierten, zerstörenden Seite her - und der Thematik des Geheimorden, das er bereits in seinem Debütroman um die A-Gruppe, „Misterioso“, behandelt hatte. Natürlich werden auch in „Dunkelziffer“ wieder die Mitglieder der A-Gruppe mit diesen Motiven konfrontiert, spiegelt sich die Geschichte des Kriminalfalls in den persönlichen Geschichten der Kommissare. Doch was in „Misterioso“ als groß angelegtes strategisches Szenario zu überzeugen wusste, was in „Falsche Opfer“ zutiefst zu berühren, beeindrucken und fesseln vermochte, fehlt in all seiner Konstruiertheit „Dunkelziffer“. Die Virtuosität, mit der Dahl sonst alle Fäden, so lose und abwegig sie auch sein mögen, zusammenführt, der große, überraschende, anspruchsvolle und ansprechende Coup, der einen ehrfürchtig Staunen lässt, ist in diesem achten Band um die Stockholmer A-Gruppe leider in der thematischen Zusammenführung verloren gegangen - fast so, als habe Dahl so viel Routine in dem Verbinden scheinbar verbindungsloser Zufälle, Schicksale, Geschichten und Fälle entwickelt, dass nichts zum Staunen mehr übrig bleibt, weil alles so glatt verläuft, wiewohl der Eindruck der Konstruiertheit in der Zusammenführung aller Handlungsstränge nie stärker war als in „Dunkelziffer“. Umso größer ist die Spannung und Ungeduld, mit derer man der deutschen Veröffentlichung von Band neun und zehn (und nicht zu vergessen: Band elf) aus der Reihe harrt, in der Hoffnung, den „alten“ Dahl zu neuer Bestform auflaufen zu sehen, denn alles in allem bleibt Arne Dahl eine Klasse für sich.

Vielen Dank an Alexandra Hagenguth
© September 2010 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien

"Totenmesse" von Arne Dahl

Ein Roman, der sich in die Seele hineinfrisst
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„Totenmesse“ beeindruckt durch seine Darstellung des Persönlichen in der großen Weltgeschichte

Was mit einem Banküberfall beginnt, entpuppt sich als eine Jagd nach einer geheimen Formel für eine bessere, alternative Zukunft ohne Kriege. Der Fall führt die A-Gruppe bis nach Wolgograd (ehemals Stalingrad) und zurück in die Zeit des Zweiten Welt- und des Kalten Krieges. Am Ende wird der Schuldige ordnungsgemäß überführt, doch Erleichterung will sich nicht einstellen – nicht bei Paul, nicht bei der A-Gruppe, nicht beim Leser. Arne Dahls „Totenmesse“ frisst sich in unsere Seele und bewohnt fortan ein Stück von ihr.

Kam Arne Dahls vorangegangener Krimi um die A-Gruppe, „Ungeschoren“, genauso frech-fröhlich verspielt daher, was Tonalität, stilistische Spielereien, Gattungsmerkmale, Verweise und Referenzen angeht, wie Puck, Shakespeares unberechenbarer, wilder Geist aus dem „Sommernachtstraum“ und des Mörders flüchtige Identität, so ist die in „Totenmesse“ vorherrschende Atmosphäre, wie es der Titel bereits andeutet, in Moll gehalten.

„Totenmesse“ ist Arne Dahls bisher traurigster und hoffnungslosester Kriminalroman. Zwar erlaubt sich Dahl wie schon in „Ungeschoren“ auch hier neckische Verweise auf sich selbst (etwa wenn er davon erzählt, dass Paul Hjelms Sohn Danne „etwas so Bizarres wie Literaturwissenschaft“ (S. 174) studiert und von einigen Dozenten „sehr begeistert“ ist, „die auch eine ziemlich abgehobene Zeitschrift herausg(e)ben“ (ebd.), oder wenn er, auf sich selbst verweisend, von einem „damals jungen Schweden“ (S.48) erzählt, der ein Buch namens „Das Massaker von Chios“ verfasst habe (vgl. ebd.); ebendieses Buch publizierte Arne Dahl nämlich als Jan Arnald 15 Jahre vor „Totenmesse“) oder amüsante Fingerübungen, zum Beispiel wenn er die verschiedenen zur Zusammenarbeit gezwungenen Polizeiabteilungen als „Ritter der Tafelrunde“ parodiert. Doch das täuscht nicht darüber hinweg, dass, wo es in allen vorangegangenen Romanen am Ende noch immer ein wenig Hoffnung auf eine bessere, alternative Zukunft gab, dies in „Totenmesse“ ausgelöscht ist.

Mozarts „Requiem“ als Resonanzboden für Dahls „Totenmesse“

Zum einen ist es Mozarts Requiem („Totenmesse“) in D-Moll, das Paul Hjelm just in dem Augenblick hört, als er erfährt, dass seine Ex-Frau Cilla eine der Geiseln eines Banküberfalls in Stockholms Nobelviertel Östermalm ist und das ihn – wie die Leser – fortan die gesamten Ermittlungen über begleiten wird und so den Grundton und Resonanzboden des Romans bildet. Zum anderen löscht Dahl – ob bewusst oder unbewusst sei dahingestellt – jegliche Hoffnung auf eine besser und andere Zukunft, eine Zukunft ohne Krieg (um Öl), ohne Umweltverschmutzung und fossile Brennstoffe und ohne Entmenschlichung, aus, denn das allerletzte Kapitel, geschrieben von einem deutschen Wissenschaftler und nunmehr zum kaltblütigen Mörder mutierten Soldaten an der Ostfront, genauer gesagt im Stalingrad des Zweiten Weltkrieges, dessen Tagebucheintragungen wir parallel zu den Ermittlungen in einem immer dubioser werdenden Banküberfall verfolgen dürfen, endet mit den hoffnungsvollen Worten des Menschen und Wissenschaftlers Hans Eichelberger, dass man sich seines humanistischen, wissenschaftlichen Erbes annehmen werde. Das ist für ihn eine Welt, die ohne fossile Brennstoffe auskommt, daher auch keine Kriege um diese führen muss; Hitlers Krieg an der Ostfront wird in „Totenmesse“ mit George W. Bushs Irakkrieg von 2003 gleichgesetzt und im Romangeschehen wiederholte Male als „Krieg um Öl“ dargestellt. Doch da weiß der Leser bereits, dass die Aufzeichnungen, die Eichelberger, gefangen in einem Erdloch in Stalingrad, zusammen mit seinem ehemaligen Doktorvater Maxim Kuvaldin angefertigt hat, nicht mehr existieren. Und man weiß auch, dass sein Sohn, nach dem er sich im Krieg so sehnt und an den er viele seiner Tagebucheintragungen richtet, an diesem Erbe zerbrochen ist. Hans Eichelbergers in dieser letzten Tagebucheintragung zum Ausdruck gebrachte Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die Dahl in der immer wiederkehrenden Metapher des „klarblauen Himmel“ verbalisiert („Die Welt hat einen klarblauen Himmel verdient.“ (S.402)), hat sich nicht erfüllt, und damit wird also auch Gunnar Nybergs im Kapitel zuvor beschriebener Blick in den Himmel, der „völlig blau“, „klarblau“ (S.401) ist – unbewusst? – unterminiert.

Wie immer es auch für Paul (der am Ende von „Totenmesse“ als „einsamster Mensch auf der Welt“ (S.399) charakterisiert wird) und Cilla, Kerstin und die A-Gruppe in den noch folgenden Romanen weitergehen wird, dieser Fall hat sie verändert, ist nicht spurlos an ihnen vorübergegangen, insbesondere nicht an Paul. Mit dem Wissen, dass sich Hans Eichelbergers Vision einer Zukunft ohne fossile Brennstoffe, ohne Krieg und Entmenschlichung nicht erfüllt hat, mit dem Wissen, dass er „umsonst“ gestorben ist für diese seine Forschung und mit dem Wissen, was sein wissenschaftliches Erbe für seinen Sohn bedeutet hat, legt man „Totenmesse“ nach der Lektüre todtraurig aus der Hand und vermag keinen klarblauen Himmel zu erkennen.

So wird die große Weltgeschichte persönlich – und holt uns alle ein

Es sind vor allem diese Schilderungen der Schicksale von Paul und Cilla, von Hans Eichelberger und Maxim Kuvaldin und ihrer Söhne, die pars pro toto für die gesamte nachfolgende Generation stehen, die in Erinnerung bleiben, weil sich beim Lesen Mozarts Requiem und Dahls Totenmesse in einen hineinfressen, wie sich Mozarts Töne in Paul Hjelms Innerstes, „Schwärzestes“ und das „Reinste“ seiner Seele hineinfressen, als sich ihm und der gesamten A-Gruppe die persönlichen Motive des als Banküberfall getarnten Rachefeldzugs eines ehemaligen Stasi-Agenten offenbaren (vgl. S.345). Hier vermischen sich die Identitäten und Schicksale von Paul, dem Stasi-Spion und Hans Eichelberger, und Paul erkennt schmerzhaft, dass er, der „Internermittler“ (S.346), dem ehemaligen Spion ähnelt, ist er doch der „Spion unter den Polizisten“ (ebd.), und gegen seinen Willen verschmilzt er mit dem Täter in dem Moment, wo es persönlich wird, sieht er doch Cilla, Tova und Danne vor sich (vgl. ebd.) und muss schließlich das bittere Fazit ziehen: „Wir sind alle Spione (…) Wir sind alle Fossilien.“ (ebd.)

Wie Hitlers Krieg aus einem hoffnungsvollen Doktorranden einen Massenmörder und gefürchteten Scharfschützen gemacht hat, so hat in Folge dessen der Kalte Krieg und sein Eiserner Vorhang aus Menschen Spione gemacht, die nach dem Fall der Mauer von ihrer Vergangenheit eingeholt werden, wo sie doch nichts lieber als den „unbedachte(n) Entschluss“ ihrer Jugend rückgängig machen wollen (vgl. S.346); die Welt, die Zeit, hat sie „aus einem Menschen zu etwas anderem gemacht“ (ebd.). Am Ende gibt es nur Verlierer, auch wenn der Drahtzieher des cleveren Banküberfalls überführt ist. Auch wenn man hinter dem Bösen die gute Absicht erkennt. „ »Waren wir nahe dran oder nicht? Haben wir es richtig gemacht? «“ fragt Kerstin am Ende in die Runde (S.397). „ »Sicher haben wir es richtig gemacht«, sagte Arto Söderstedt. »Aber richtig ist nicht immer genug.«“ (ebd.)

„Totenmesse“ frisst sich in unsere Seele

So wird der Roman seinem Titel – aller stilistischer, ironischer oder parodistischer Spielereien zum Trotz – mehr als gerecht, denn immer wieder klingt Mozarts Requiem in Pauls Ohren, immer wieder sieht sich der Leser mit den Grausamkeiten und Bestialitäten, die Menschen einander angetan haben und weiterhin antun, konfrontiert, und mit der deprimierenden Einsicht, dass die Kriege, die im Namen der Freiheit geführt werden, doch nur Kriege ums Öl sind und um eines anderen Profits willen geführt werden. Mit „Totenmesse“ ist es Arne Dahl einmal mehr gelungen, einen außergewöhnlichen Kriminalroman zu schreiben, der nicht nur ob seiner Intrige und Spannung fesselt, sondern auch mit seinen Charakteren und ihren Schicksalen und mit einer Aussage, die so banal wie brutal ist und todtraurig stimmt. „Totenmesse“ frisst sich in unsere Seele und bewohnt fortan ein Stück von ihr.

Vielen Dank an Alexandra Hagenguth
© März 2009 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien

"Ungeschoren" von Arne Dahl (Hörfassung)

Spurensuche mit Till Hagen
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Beim Lesen verpasste Details mit der Hörbuchfassung von Arne Dahls „Ungeschoren“ nachhören

Nach fünf Fällen mit der A-Gruppe Arne Dahls und den begleitenden Hörbuchfassungen der Romane von steinbach sprechende bücher mit Till Hagen als Sprecher hat man bei jedem neuen Buch das Gefühl, auf einem Familienfest zu sein. Man hat sich länger nicht gesehen (der letzte Arne-Dahl-Krimi erschien im August 2006), kommt zur Tür herein und das Hallo ist groß. Man begrüßt Tante und Onkel, verplaudert sich mit Cousinen und Cousins ersten, zweiten und dritten Grades, stößt mit Oma auf ein langes Leben an und alle reden durcheinander. Am Ende schwirrt einem der Kopf von dem ganzen lauten Drunter und Drüber, aber schön war’s doch.

Familiäre Stimmung – im Roman wie auf CD

So ähnlich ergeht es einem auch nach der Lektüre beziehungsweise dem Hören der ersten Szenen in „Ungeschoren“, Arne Dahls sechstem Roman um die Stockholmer A-Gruppe. Hier stolpert der Leser geradewegs in das Abschiedsfest Jan-Olov Hultins, dem eulengleichen, inoffiziellen Leiter der A-Gruppe, und alle sind sie gekommen: Sara und Jorge mit der kleinen Isabel, Arto Söderstedt und seine ganze blonde Kinderschar, Viggo Norlander mit Astrid und ihrer „Rasselbande“, Gunnar Nyberg und Ludmila, und auch Paul Hejlm – der es geschafft hat, dass seine Tochter Tova ihn auf das Fest begleitet – und Kerstin Holm fehlen nicht. Und wie es sich für ein gutes Familienfest gehört, gibt es auch hier spannende Neuigkeiten zu berichten: Kerstin wird nämlich die Nachfolge Jan-Olov Hultins antreten und zukünftig die A-Gruppe leiten, Paul hingegen wechselt zur Internen, und mit Lena Lindberg und Jon Anderson stoßen gleich zwei Neue zur A-Gruppe – Willkommen in der Familie, möchte man da ausrufen.

Genauso vertraut wie reale Verwandte und fiktive Figuren ist dem Arne-Dahl-Fan auch der Sprecher Till Hagen, der bereits die fünf vorangegangenen Hörbücher gelesen hat. Dabei kann man sich beim Zuhören des Eindrucks nicht erwehren, dass auch Till Hagen mittlerweile sehr vertraut mit den Figuren ist und mit ihnen eine Art Freundschaft im Geiste eingegangen ist. Stärker jedenfalls als bei den vorherigen Hörbuchfassungen moduliert Till Hagen hier Klang und Tonlage der einzelnen Figuren, verleiht ihnen Leben und führt mit sicherem Gespür für Stimmen, Stimmlagen und Stimmungen durch „Ungeschoren“. Auch wenn es in dem Roman zuweilen – gewollt – verworren zugeht, mit Till Hagen an seiner Seite verliert der Zuhörer nie den Überblick. Im Gegenteil. Wer beim Lesen des Buches am Ende das Gefühl hatte, das ein oder andere, entscheidende Detail im Rausch der Spannung überlesen zu haben, kann sich mit der deutschen Synchronstimme Kevin Spaceys nochmals auf Spurensuche begeben, verpasste Andeutungen, Hinweise und Erklärungen entdecken und sich an der souverän und elegant komponierten Erzählung erfreuen. Auch wenn Arne Dahls „Ungeschoren“ selbst vielleicht nicht sein bester, wohl aber sein bis dato härtester und die Grenzen des Genres am stärksten strapazierender Krimi ist, so hat steinbach sprechende bücher daraus wieder ein fesselndes Hörbucherlebnis gemacht, das der eigenen Leseerfahrung die stimmige Interpretation Till Hagens entgegengesetzt.

Vielen Dank an Alexandra Hagenguth
© November 2007 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien

"Ungeschoren" von Arne Dahl

Ein Mörder namens Puck
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Ein „gerechter“ Mörder stürzt die A-Gruppe in ein moralisches Dilemma

Arne Dahl zeigt sich in „Ungeschoren“ wieder von seiner besten Seite, und das ist die intellektuelle. Souverän spielt er mit den Genregrenzen, verschiebt sie, definiert sie neu und fordert den Leser heraus, ohne dabei der Handlung die Spannung zu nehmen. Im Gegenteil ist es ein großes ästhetisches Vergnügen, Arne Dahl und seine A-Gruppe bei den Ermittlungen zu begleiten.

Dass es bei Arne Dahl anspielungsreich und komplex zugeht, ist nichts Neues. Allen bisher auf Deutsch erschienenen fünf Krimis um die Stockholmer Sonderermittlertruppe, der A-Gruppe, liegen mythologische (wie in „Falsche Opfer“ und „Tiefer Schmerz“) oder literarische (wie in „Böses Blut“) Motive zugrunde. Auch „Ungeschoren“, Arne Dahls neuester Krimi, macht darin keine Ausnahme. Dieses Mal ist es Shakespeares Sommernachtstraum, auf den der Autor – und der Mörder – sich bezieht. Im Schwedischen Original heißt das Buch folgerichtig „En midsommarnattsdröm“, „Ein Mittsommernachtstraum“, und in der Mittsommerwoche beginnt auch der bisher existentiell bedrohlichste Fall der Stockholmer Sonderermittlergruppe, die inzwischen von Kerstin Holm geleitet wird, nachdem Jan-Olov Hultin in den Ruhestand verabschiedet worden ist. Kurz darauf überschlagen sich die Ereignisse.

Die Moral des Tötens

  Arne Dahl bei schwedenkrimi.de
Biografie
Interview 2008
Interview 2003
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Leseprobe
Bei einer Lesung

Eine kurdische junge Frau, die unter neuer, geschützter Identität in Stockholm lebt, wird unter dem Verdacht, ihren Bruder erstochen zu haben verhaftet. Lars-Inge Rundström, Fernsehkritiker, sitzt zu dieser Zeit bereits in Haft, da er den Chef eines Schund-Fernsehsenders erschossen haben soll. Dann wird eine polnische Krankenschwester mit einer Axt ermordet, die, um ihr karges Gehalt aufzubessern, ihrerseits Patienten getötet hat. Schließlich ermordet eine Prostituierte einen moldawischen Schwimmträger, und Jon Anderson, gemobbter, homosexueller Neuzugang der A-Gruppe, wird in Polen niedergestochen. Gleichzeitig ermittelt Paul Hjelm, der nun Leiter der Stockholmer Abteilung für Interne Ermittlungen ist, gleich in seinem ersten Fall gegen seinen Freund und ehemaligen Kollegen Jorge Chavez. Zunächst hat es den Anschein, dass alles habe nichts miteinander zu tun, doch dann führen kaum sichtbare Tätowierungen in den Kniekehlen der Ermordeten die A-Gruppe um Kerstin Holm schließlich auf die Spur des Mörders. Es ist Puck, Shakespeares flüchtiger, unberechenbarer, wilder Geist aus dem „Sommernachtstraum“, der in der mythologisch aufgeladenen Mittsommerwoche sein Unwesen treibt, dabei vier Menschen tötet und damit denen, die allen Grund gehabt hätten, zu morden, die Tat quasi abnimmt. Mit seinen „gerechten“ Morden greift er Recht und Gesetz an, eine Gesetzgebung, der der „Geist“ abhanden gekommen ist, die nur noch buchstäblich verfährt, ohne Rücksicht auf die Menschen, für die sie eigentlich gemacht ist. Was das aber mit den Ermittlungen gegen Jorge Chavez zu tun hat? Alles. Der ahnungslose, sich im Vaterschaftsurlaub befindende Kriminalist ist der Auslöser der Mordserie, die die A-Gruppe moralisch und existentiell auf die Probe stellt.

Irrungen und Wirrungen der A-Gruppe

Was dem 400 Seiten starken Werk vor allem Kohärenz verleiht, sind immer wiederkehrende Metaphern wie das Spinnennetz in Kerstin Holms neuem Büro, das Irrationale und Magische der Mittsommernacht und die Duplizität der Ereignisse, die die Mitglieder der A-Gruppe miteinander verbindet. Mehrfach werden Szenen – ein Telefonat oder ein Kneipenbesuch, bei dem sich die Wege von Kerstin und Paul zufällig kreuzen, ohne dass sie sich dessen richtig bewusst werden – jeweils zwei Mal mit exakt denselben Worten erzählt, obwohl doch aus zwei vermeintlich unterschiedlichen Perspektiven. So ergibt sich ein dichtes Netz aus Verweisen und Hinweisen, die kunstvoll wie Kerstins Spinnennetz miteinander verwoben sind, dem Roman eine poetische Aura verleihen, wie es dem nordischen Mittsommer gebührt, und für den Leser Spuren auslegen. Vieles wird erst im Nachhinein und im Rückblick vollständig verständlich. Ein und dieselbe Szene bildet Anfang und Ende des Romans, und beim zweiten Mal, am Ende der Geschichte, wird man sie, um einige Erfahrungen reicher, mit ganz anderen Augen lesen. Verwirrung und Entwirrung, wie in Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“, ist Leitmotiv und Erzählprinzip in „Ungeschoren“. Alles hängt mit allem zusammen. Am Ende stürzt der Mörder die A-Gruppe selbst in ein ethisches und moralisches Dilemma, aus dem keines der Teammitglieder unbeschadet hervorgeht.

Die Ästhetik des Komplexen

Arne Dahl, der mehrfach für seine Romane mit dem Deutschen Krimipreis, der renommierteste Auszeichnung des Genres, ausgezeichnet wurde, zeigt sich in „Ungeschoren“ wieder von seiner besten Seite, und das ist die intellektuelle. Souverän spielt er mit den Genregrenzen, verschiebt sie, definiert sie neu und fordert den Leser heraus (an einer Stelle bringt er sich selbst als Autor-Ich ein), ohne dabei arrogant zu werden oder der Handlung die Spannung zu nehmen. Im Gegenteil ist es – wie immer, möchte man sagen – ein großes ästhetisches Vergnügen, Arne Dahl und seine A-Gruppe bei den Ermittlungen zu begleiten.

Vielen Dank an Alexandra Hagenguth
© Oktober 2007 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien

"Rosenrot" von Arne Dahl (Hörfassung)

Mut zum Minimalismus
Schnörkellose Hörbuchfassung vertraut voll und ganz der Stimme Till Hagens
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Arne Dahls neuester Fall erzählt von der Liebe und ihren seltsamen Kindern: ein rasanter, tiefgründiger Fall, der im Milieu illegaler Einwanderer beginnt. Dag Lundmark war Leiter einer rasch und effektiv durchgeführten Razzia. Winston Modisane musste dabei sterben - aber war der Tod des Südafrikaners wirklich unvermeidlich? Paul Hjelm und Kerstin Holm stoßen auf jede Menge Ungereimtheiten und aus einer Routinebefragung wird bald Kerstins persönlichster Einsatz. steinbach sprechende bücher bleibt sich auch bei dieser Arne Dahl-Hörbuchfassung treu und vertraut zu Recht voll und ganz auf Till Hagens sonore und nie übertrieben artikulierte Stimme. Passend zum kühlen Intellekt der Bücher Dahls verzichtet steinbach sprechende bücher zudem auch hier wieder auf störende dramatische Elemente wie musikalische Arrangements oder Hintergrundgeräusche. Das verschafft gleichzeitig Till Hagen als Sprecher den nötigen Raum, mit nur kleinen stimmlichen Veränderungen Wegmarken zu setzen und zu artikulieren. Kurz: Wieder eine gelungene Umsetzung des Romans von Arne Dahl.

Vielen Dank an Alexandra Hagenguth
© August 2006 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien

"Rosenrot" von Arne Dahl

Liebe nimmt Rache
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Zur Halbzeit des Romanzyklus um die Stockholmer A-Gruppe ist auch Kerstin Holm in der Mitte ihres Lebens angekommen und muss sich ihrer Vergangenheit stellen, um weiter leben zu können.

Halbzeit für die A-Gruppe um Chefermittler Jan-Olov Hultin und die beiden herausragenden Charaktere Paul Hjelm und Kerstin Holm. "Rosenrot" ist nämlich bereits der fünfte von insgesamt zehn Romanen über die "Spezialeinheit für Gewaltverbrechen von internationalem Charakter beim Reichskriminalamt", wie die A-Gruppe offiziell heißt.

In der Mitte des Lebens kehrt die Vergangenheit zurück

In der Mitte des Lebens angekommen, ist auch Kerstin Holm, die sich in "Rosenrot" ihrem persönlichsten Fall stellen muss. Hier trifft sie in einem Verhör auf den heruntergekommenen, alkoholabhängigen Polizisten Dag Lundmark, der den Südafrikaner Winston Modisane bei einer Polizeirazzia, die Jagd auf illegale Einwanderer macht, erschossen hat. Dass Dag Lundmark ganz andere als mögliche rassistische Motive hatte, Winston Modisane zu erschießen, wird bald klar, nicht zuletzt Kerstin selbst, kennt sie Dag Lundmark doch aus vergangenen Göteborger Tagen. Dag Lundmark ist Kerstins Ex-Verlobter, der "keinerlei Absicht hatte, seinen sexuellen Willen nicht durchzusetzen." Kurz nach dem Verhör verschwindet Dag Lundmark unauffindbar, doch nicht spurlos. Es geschehen weitere Morde und Dag Lundmark hinterlässt deutliche Zeichen - wenn man sie denn zu erkennen und deuten weiß.

So nähert sich die A-Gruppe aus zunächst zwei scheinbar verschiedenen Richtungen - neben der bald als Mord klassifizierten Tötung Modisanes muss noch der rätselhafte Selbstmord des zurückgezogen lebenden Ola Ragnarsson geklärt werden - der Mitte, dem zentralen Konflikt beider Fälle, die doch aufs Engste miteinander verbunden sind. Zusammengehalten ausgerechnet von einem Mitglied der A-Gruppe: von Kerstin. Für die ist der zentrale Konflikt jedoch lange Zeit ein blinder Fleck; die Beziehung zu Dag und ihre unangenehmen Folgen hat sie verdrängt. Gleichzeitig spürt sie intuitiv, dass es einen Grund gibt, dass sie noch immer Dags Verlobungsring trägt, und Intuition gepaart mit guter polizeilicher Ermittlungsarbeit ist es dann auch, was Kerstin immer stärker zur Mitte des "schwarzen Lochs", das ihre Jahre mit Dag umgibt, zieht. Dabei bedroht Kerstins Erinnerungslücke nicht nur ihre eigene Existenz, sondern die der ganzen A-Gruppe. Dass es noch mal gut geht, ist einer sehr kranken Vorstellung von Liebe zu verdanken, die mit biblischem Zorn vernichtet, um Neues zu schaffen. Hier darf man gespannt sein, wie es für Kerstin, nachdem sie in "Rosenrot" die Mitte ihres Lebens überschritten und das "schwarze Loch" der Verdrängung überwunden hat, weitergeht.

So gelingt Arne Dahl mit "Rosenrot" nun schon zum fünften Mal ein Krimi, der einen spannenden Plot um weitere, Dahl-Lesern bereits bekannte, Metaebenen wie Bibelzitate und Assoziationen erweitert und damit ein eigenes ästhetisches Universum schafft. Doch bei allem literarischen Überbau vergisst Arne Dahl nicht, in welchem Genre er sich bewegt. Klassische Krimielemente kombiniert er vielmehr immer wieder neu und spannend mit menschlich-existentiellen Fragestellungen. Das ist der eigentliche Thrill und die magische Sogwirkung, die Arne Dahls Romane um die A-Gruppe ausmachen.

Vielen Dank an Alexandra Hagenguth
© April 2006 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien

Großer Lauschangriff: Aktuelle Hörbücher von Arne Dahl

29 Stunden auf Verbrecherjagd mit Paul Hjelm
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Der Sommer kann mir gestohlen bleiben - jedenfalls, wenn Arne Dahls Romane weiterhin von steinbach sprechende bücher vertont werden und lange, kalte Wintersonntagnachmittage zum spannenden Erlebnis machen. Winter - oder zumindest ein verdammt verregneter Sommer - sollte es dann aber auch sein, wenn man sich die drei Produktionen "Misterioso", "Böses Blut" und "Tiefer Schmerz" vornimmt, denn alle haben nicht weniger als 7 CDs mit einer Gesamtlänge von je rund 580 Minuten. Das sind also 29 Stunden Krimispannung auf CD gebrannt, was schon eine gehörige Portion Ausdauer erfordert, auch wenn Till Hagen, Sprecher aller Hörbücher, seinen Job wirklich gut macht. Er variiert Stimme und Tonlage gerade genug, um Nuancen und unterschiedliche Charaktere und Stimmungen herauszuarbeiten, ohne jedoch zum "Alleinunterhalter" zu mutieren. Äußerst begrüßenswert finde ich, dass auf ablenkende oder die Dramatik unterstreichenden Mittel wie Musik und Hintergrundgeräusche verzichtet wurde. Das würde Arne Dahls stets beklemmenden und die Psyche stark in Anspruch nehmenden Krimis nur schaden. Sie wirken am besten ganz "nackt".

Wenn ich mir aber was wünschen dürfte, dann wären es doch gekürzte Hörbuchfassungen der Romane. Denn was mir beim Lesen der Krimis von Arne Dahl nie als Längen vorgekommen ist, macht mich gähnend vor Langeweile bei den Hörbüchern. Das sind alle die kleinen Exkurse und Passagen, in denen nicht die eigentliche Handlung im Vordergrund steht, sondern die Reflexionen und Emotionen der Protagonisten. Was beim Lesen wahrscheinlich gerade die richtige Mixtur aus Spannung und Entspannung, aus Klimax und Antiklimax ausmacht und dem Leser notwendige Verschnaufpausen verschafft, irritiert beim Hören, wirkt ablenkend und - schlicht langweilig. Sonst aber gibt's nichts zu mäkeln an den einwandfrei und schnörkellos umgesetzten Hörbuchproduktionen.

Vielen Dank an Alexandra Hagenguth
© April 2006 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien

"Tiefer Schmerz" von Arne Dahl

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Aufgehängt mit dem Kopf nach unten und ein spezielles Stück Draht durch die Schläfe in das Schmerzzentrum des Gehirns gebohrt - grausamer kann kein Mensch zu Tode gepeinigt werden. Doch warum wurde dies einem beinah 90-jährigen Nobelpreiskandidaten angetan, der noch dazu als anerkannter Überlebender des KZs Buchenwald weltweit allergrößte Wertschätzung genoss? Doch womöglich noch eigenartiger ist die für die Stockholmer Sonderermittler der A-Gruppe augenscheinliche Verbindung zu einem anderen Mordopfer: Ein brutaler Zuhälter ist in das Gehege von Vielfraßen gestoßen worden und wurde von ihnen nahezu restlos einverleibt.
Arne Dahl alias Jan Arnald legt mit "Tiefer Schmerz" seinen vierten Roman um die A-Gruppe vor, die als Team höchst individualistischer wie kreativer Ermittler diesen Fall aufzulösen hat. Auch ohne Kenntnis der vorangegangenen Romane ist man schnell mit seinen Protagonisten vertraut und lässt sich von dem raffiniert ausgestalteten Plot durch die Seiten treiben. Unterhalten auf hohem Niveau, wenn auch zuweilen dank schon sehr "zufällig" gefundener Assoziationsketten und einer nicht immer glücklichen Übersetzung auf den ersten Seiten (z.B. "öffentliches" statt "offenes Geheimnis"), besticht dieser Roman nicht zuletzt durch die Einbettung historischer Bezüge, die an die dunklen Seiten Schwedens rühren, als es u.a. bereits vor Hitlers Machtergreifung mehr als hilfreicher Ungeist für rassistische wie antisemitische "Forschungen" war. Hier scheint sich bei schwedischen Kriminalautoren seit Kurzem ein längst fälliger Trend abzuzeichnen, der Schweden als Teil Europas nur gut tun kann.
"Tiefer Schmerz" jedenfalls macht neugierig auf die noch kommenden aber auch auf die früheren Romane Arne Dahls.

Vielen Dank an Ulrich Karger
© März 2005 buechernachlese

"Tiefer Schmerz" von Arne Dahl

Der beste Grund seit Sjöwall/Wahlöö Schwedisch zu lernen
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Es ist ein lauer Maiabend in Stockholm und der junge Grieche zieht sich genüsslich ein paar Gramm Koks rein. Kurz darauf wird er in das Vielfraß-Gehege von Skansen getrieben und von den lieben Tierchen mit Haut und Haaren verspeist. Es ist kein schöner Anblick, der sich Paul Hjelm und seinem Kollegen Jorge Chavez bietet, als sie zum Tatort gerufen werden. Außerdem haben die Vielfraße gründliche Arbeit geleistet. Es gibt kaum verwertbare Spuren, nur eine dünne Metallnadel und die mysteriöse Botschaft des Toten: Epivu. Zur selben Zeit an einem anderen Ort: Acht Ukrainerinnen, Zwangsprostituierte, verschwinden plötzlich und scheinbar spurlos bei Nacht und Nebel aus ihrem Asylantenheim. Sara Svenhagen und Kerstin Holm sind zunächst mindestens ebenso ratlos wie ihre Kollegen Hjelm und Chavez. Nur etwas später wird schließlich ein bald neunzigjähriger jüdischer Hirnforscher und Nobelpreiskandidat auf dem jüdischen Friedhof kopfüber an einem Baum hängend ermordet aufgefunden. In seiner Schläfe steckt eine dünne Metallnadel, die direkt ins Schmerzzentrum des Hirns führt, was maximalen Schmerz und in Folge dessen den Tod auslöst. Was hat der jüdische Hirnforscher und KZ-Überlebende Sheinkman mit dem griechischen Zuhälter Nikos Voultsos gemein? Warum mussten beide auf dieselbe grausame Weise sterben? Erst als der Klein-Kriminelle und Handydieb Hamid an der Stockholmer U-Bahn-Station Odenplan von einer "Ninja-Feministin" brutal zusammengeschlagen und vor die herannahende U-Bahn gestoßen wird, ergibt sich ein Muster und eine erste, vage Spur für das Stockholmer A-Team. Arto Söderstedt, eigentlich im toskanischen Familienurlaub, wird kurzerhand zum "Europa-Bullen" erklärt, denn was folgt, ist eine Jagd durch halb Europa und durch ein halbes Jahrzehnt: Mailand, Odessa, Weimar - 2000 und 1945.

Das schwedische Tabu: Die Schweden und die Nazis

Die Ermittlungen führen das A-Team in die Zeit des Zweiten Weltkrieges und konfrontieren es mit einem für Schweden schwierigen und tabuisierten Thema: der eigenen, schwedischen nationalsozialistischen Vergangenheit. Paul Hjelm graut es davor, "die Judenvernichtung und die Konzentrationslager und den europäischen Antisemitismus ansprechen zu müssen. Er war nämlich Schwede, und Schweden mögen solch tabuisierte Themen nicht. Wir kriegen Schweißausbrüche." Und Arne Dahl bohrt den Finger noch tiefer in die zwar gern verdrängte, doch eiternde, schwedische Wunde: "Wir waren nicht dabei, wir können es nie verstehen, wir haben mit der Sache nichts zu tun (…)." Er entlarvt diese gebräuchliche Ausrede als: "Schwedische Geschichtslosigkeit und vorgetäuschte Neutralität in einer unheiligen Allianz. Wir waren in höchstem Maße dabei. Wir haben in allerhöchstem Grad mit der Sache zu tun. Wir können sie in allerhöchstem Grad verstehen. Wir müssen. Weltmeister im Unter-den-Teppich-Kehren." Dabei bleibt Arne Dahl nicht im Abstrakten, sondern als Literat, der sich in der Nachfolge Sjöwall/Wahlöös sieht, macht er das Private zum Politischen wie das Politische zum Privaten und transferiert die schwedische Verstrickung in den Nationalsozialismus auf eine persönliche und damit nachvollziehbare Ebene. Das dürfte für viele schwedische Leser beinahe so schmerzhaft sein wie die grausame Tötungsmethode in "Tiefer Schmerz", deren Ursprung in den bestialischen medizinischen Experimenten der SS-Ärzte zu suchen ist.

Dabei gelingt Dahl das Kunststück, die Vergangenheit mit aktuellen Themen wie dem europäischen Frauenhandel der Gegenwart kenntnisreich und ohne die Opfer des Nationalsozialismus als Mittel zum Zweck zu diskreditieren, zu verbinden. Heraus kommt dabei wie immer bei Arne Dahl ein höchst komplexer, anspielungsreicher, intelligenter wie moralisch herausfordernder Text mit diversen Subtexten, der jedoch nie vergisst, was er seinen Krimilesern schuldig ist: eine spannende Story, die fesselt und bewegt mit Protagonisten, die sympathisch, glaubwürdig und "echt" sind. Seit Sjöwall/Wahlöö hat es damit keinen besseren Grund gegeben, Schwedisch zu lernen, wie Katharina Granzin (taz) ganz richtig bemerkt. Denn in Schweden erscheint im Sommer bereits der achte Fall für das Stockholmer Team um Paul Hjelm und Chef-Ermittler Jan-Olov Hultin - viel spannende und zum Nachdenken anregende Lektüre also für alle Ungeduldigen, die nicht wieder ein Jahr bis zur nächsten Übersetzung warten wollen.

Vielen Dank an Alexandra Hagenguth
© Februar 2005 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien

"Falsche Opfer" von Arne Dahl

Intelligent, ungeheuer spannend und von internationalem Format
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In der Stockholmer Kneipe Kvarnen geschieht ein Totschlag. Es kommt zum Tumult, einige Gäste können den Tatort, ungehindert von den Türstehern, verlassen. Andere werden zu Zeugen. Wie Per Karlsson. Der vorgibt, nichts gesehen und gehört zu haben. So vertieft sei er gewesen, in Ovids Metamorphosen. Kurz darauf wird im Hochsicherheitsgefängnis in Kumla der Drogendealer Lordan Vukovic in seiner Zelle von einer Bombe in Stücke zerfetzt. Am Abend des schwedischen Mittsommer ereignet sich schließlich ein weiteres Verbrechen, das mehrere Tote fordert: Zwei verfeindete Banden wollen einen mysteriösen Aktenkoffer an sich bringen, der den Schlüssel zu einem Banksafe enthält. Doch die Übergabe misslingt, und der Aktenkoffer ist verschwunden. Für Paul Hjelm und seine Kollegen von der A-Gruppe beginnt damit eine dramatische und blutige Jagd nach jugoslawischen Kriegsverbrechern, Drogendealern, Pädophilen, Nazis und - Orpheus und Eurydike.


Buchtipp
Camilla Läckberg - Die Schneelöwin

Damit liegen Arne Dahls drittem Roman über die A-Gruppe gleich zwei antike Themen zugrunde, nämlich Ovids Metamorphosen sowie die griechische Sage um Eurydike und Orpheus. Wie in der griechischen Mythologie sind auch Arne Dahls Orpheus und Eurydike zwei Liebende, die in den finstersten und tiefsten Raum der Unterwelt geblickt haben. Doch ist die Geschichte von Orpheus und Eurydike auch die Geschichte von Eros und Thanatos (Tártaros), von den beiden stärksten Trieben des Menschen, dem Lebens- und dem Todestrieb, und von der Liebe, die den Tod überwindet. Damit findet "Falsche Opfer" nach einer Blutorgie doch noch ein versöhnliches Ende. Zumindest für einige der Beteiligten ist Gerechtigkeit geschaffen worden.

Die Metamorphose betrifft wiederum jedes Mitglied der A-Gruppe auf seine Weise und letztlich uns alle. Es geht um die gesellschaftliche Metamorphose und den Feind in uns selbst. Kratzen wir an der Oberfläche, müssen wir nicht sonderlich besorgt sein, was nazistische Parteibildung angeht. "(...) doch seit einigen Jahren zeigt sich ein Unterschied. Es scheint plötzlich bedeutend leichter geworden zu sein, andere Menschen als Objekte zu sehen. Als Nicht-Menschen. Als Menschen, die nicht das gleiche rote Blut haben wie wir. Ist die ethnische Säuberung im Kosovo und in Bosnien eine strikt innere, historische Angelegenheit des Balkan, oder hat sie trotz allem mit einer breiteren Veränderung der (...) aufgeklärten Mentalität zu tun. Wie groß ist eigentlich der Schritt von da, dass man alle Einwanderer nach Rinkeby oder Kammarkullen oder Rosengård schickt, zu dem Punkt, dass man Menschen aus ihrer Heimat vertreibt?" (S.197)

Doch erzählt Arne Dahl nicht nur in der Weise einer Parabel die Geschichte von Ovids Metamorphosen sowie von Eurydike und Orpheus neu, sondern "Falsche Opfer" enttäuscht auch als Thriller nicht. Erst allmählich findet die A-Gruppe, aufgelöst nach dem Debakel um den Kentucky-Mörder, wieder zueinander und ebenso sukzessive wie stetig werden Muster sichtbar, bis die Spannung schier ins Unerträgliche steigt.

Und Arne Dahl wäre nicht Arne Dahl, wenn es ihm am Ende nicht gelänge, alle Erzählstränge, sowohl die offensichtlichen als auch die metaphorischen, zu einem Ganzen zusammenzufügen, das nachdenklich stimmt. Doch ist Arne Dahl kein Kulturpessimist, sondern optimistischer Realist. Es gibt Hoffnung in seinen Romanen, gerade auch in "Falsche Opfer", so grausam die Realität auch sein mag. Das tut gut, denn selten ist die Realität nur schwarz oder weiß. Dabei ist "Falsche Opfer" ungeheuer spannend und intelligent erzählt. Arne Dahl hat sich mit seinem dritten Roman um Paul Hjelm und die A-Gruppe unzweifelhaft an die Spitze der internationalen Thriller-Autoren geschrieben und ist mit Abstand das Beste, was Schweden momentan in diesem Genre zu bieten hat!

Vielen Dank an Alexandra Hagenguth
© Juni 2004 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien

"Falsche Opfer" von Arne Dahl

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WOW! Das ist ein Buch. Es hat alle Erwartungen erfüllt! Schon nach dem Lesen von „böses blut“ (weiter unten) hatte ich das Gefühl, dass die Bücher von Arne Dahl immer besser werden würden. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an „falsche opfer“.
Los geht's mit einem aufgelösten Ermittlerteam (der ehemaligen A-Gruppe) und mehreren Todesfällen, die nichts miteinander zu tun haben :-) Die Ermittlungen ergeben aber dann doch Zusammenhänge. Wie das geschieht und welche Zusammenhänge das sind, da war ich beim Lesen schon manchmal sprachlos. Alles ist anders als es scheint, trotzdem hat man nie das Gefühl hinters Licht geführt zu werden. Die Phase des Wiederaufbaus der A-Gruppe ist ebenfalls sehr gut beschrieben. Die Mitglieder haben aus ihren anderen Tätigkeiten oder aus dem Privatleben Ballast an Bord und der Autor nutzt all das immer um die Handlung voranzubringen. Wenn man schon beim letzten Buch an Sjöwall/Wahlöö denken mußte, so kann man den Bezug hier nur noch mal bestärken. Für mich einer der Höhepunkte der Kommissar Beck Reihe war „Die Terroristen“. Es läßt sich nicht bestreiten, das Arne Dahl dieses Buch gelesen hat. Sowohl die Verweise auf die Konflikte im ehemaligen Jugoslawien oder auf rechtsextreme Tendenzen in der schwedischen Gesellschaft sind eine starke Parallele. Natürlich gibt es ein Ultimatum, das Spannung erzeugt, Liebe, Mißbrauch,Verrat und weitere Überraschungen. Aber sie sind nicht plumpe Rechtfertigungen sondern Aspekte, die das Geschehen erläutern und begründen. Wie Dahl dann einen Roman zum Ende führt ist einzigartig. Es gibt eine Auflösung, Gerechtigkeit und Zufriedenheit beim Leser, all das ohne Happy End. Hut ab dafür! Wenn es etwas auszusetzen gibt an diesem für mich herausragenden Buch, dann sind es die Ansätze tiefgründige Prosa über die verzweifelte Liebe in einem brutalen Umfeld unterzubringen. Das war nicht richtig passend, hat aber die großartigen Beschreibungen von Stimmungen und Innenwelten der Hauptdarsteller nicht gestört.
Fazit: Pflichtlektüre für Krimileser, Leser, Mankell-Leser die sich die Ermüdung des Meisters bewußt machen möchten, Sjöwall/Wahlöö-Fans und alle, die die Hoffnung auf Besserung schon fast aufgegeben hatten.

Vielen Dank an Dirk Menker
© Mai 2004 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien

"Böses Blut" von Arne Dahl

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Eine Ermittlungsgruppe für besondere „Gewaltverbrechen von internationalem Charakter“, aber nix zu tun. Der Einstieg in den Fall gelingt dem Buch mit einer mißlungenen Aktion der A-Gruppe. Auf dem Flughafen entwischt ein aus NewYork angereister Serienmörder, der dann erst einmal untertaucht. Also noch immer nichts Richtiges zu tun. Aber dennoch Zeit, die Ermittler bei den Einstiegsarbeiten in diesen komplexen Fall (denn das wird er werden) kennenzulernen. Es handelt sich um interessante Charaktere, die sehr interessant entwickelt sind. Richtige Typen eben, dabei aber nur wenig überzeichnet und in einer richtigen Umwelt agierend. Dies drängt den zwar mittlerweile schon totgerittenen aber durchaus als kompliment gemeinten Vergleich zu Maj Sjöwall, Per Wahlöö auf.
Die sehr gut erzählte Handlung ist dabei aber moderner erzählt und hat viele Bezüge zur oben schon erwähnten „richtigen Umwelt“. Nichts ist einfach aber es macht beim Lesen nicht den Eindruck als ob es nur zum Selbstzweck verdreht wurde. Die Lösung ist nachvollziehbar und logisch, dadurch wird das Buch etwas besonderes im Kreis der Serientäter. Ja, auch hier ist es nicht ein alleinstehender Roman, sondern Teil einer Serie, die einmal eine ähnliche Dimension wie die Reihe um Kommisar Beck erreichen soll. Es ist nicht zu erwarten, dass Paul Hjelm (als Teil nicht als Leiter der Ermittlergruppe) auch einen ähnlichen Stellenwert erreicht, aber das liegt meiner Meinung nach nur daran, das Kommissar Beck einige Jahrzehnte früher auf der Bildfläche erschien und Sjöwall/Wahlöö damit gezeigt haben, das ein Krimi durchaus einem Land und seiner Gesellschaft den Spiegel vorhalten kann. In „böses Blut“ geschieht das sogar für zwei sehr unterschiedliche Länder, weil ein wesentlicher Teil der Ermittlung in New York stattfindet. Das ist elementar für die Hnadlung und geht über Sightseeing weit hinaus. Das Buch ist spannend, gut formuliert und war ein Genuß. Die Entwicklung der Lösung, einige Überraschungen und wechselnden Kombinationen der Ermittler sind herausragend aus dem Einerlei der in letzter Zeit erschienen Krimis (siehe vorherige Artikel). Als es durchgelesen war, habe ich sofort den gerade erschienen neuen Band „falsche opfer“ gekauft. Der erste Band der Serie (böses blut ist der zweite) „misterioso“ ist ebenfalls uneingeschränkt empfehlenswert und nimmt stark Bezug auf die Musik, die Paul Hjelm hört. Das der Jazz im Leben eines Polizisten eine Rolle spielt hat man zwar auch in letzter Zeit öfter gelesen (Peter Robinson, Ake Edwardsson, Michael Connelly) aber hier passt gut zur Atmosphäre.
Uneingeschränkt empfehlenswert!

Vielen Dank an Dirk Menker
© Mai 2004 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien

"Böses Blut" von Arne Dahl

"Böses Blut" - Der beste Schwede seit langem!
Arne Dahl auf den Spuren Sigmund Freud und Sigurd Hoels
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Ein schwedischer Literaturkritiker wird auf dem Flugplatz in New York hingerichtet. Sein Mörder bucht sich auf den nunmehr frei gewordenen Platz der SAS-Maschine nach Stockholm ein - Schweden ist dabei, seinen ersten Serienmörder zu importieren. Die schwedische Polizei und vor allem die A-Gruppe um Chef Hultin wird informiert und eingeschaltet. Alles deutet darauf hin, dass der Kentuckymörder, der nach 15 Jahren Pause wieder zuschlägt, der Vietnam-Veteran Wayne Jennings ist, denn den Opfern werden auf ganz spezielle und grausige Weise die Stimmbänder durchtrennt. Doch Wayne Jennings kam angeblich bei einem Unfall vor Jahren ums Leben. Drei weitere Menschen sterben. Paul und seine Kollegin Kerstin werden in die USA geschickt, um direkt mit dem FBI und vor allem mit FBI-Agent Larner, der Wayne Jennings seinerzeit zur Strecke brachte, zusammenzuarbeiten. Hier nähern sie sich dem Zentrum des Orkans, doch auch an der Heimatfront in Schweden spitzt sich die Lage dramatisch zu.

"Böses Blut" ist der zweite Roman Arne Dahls um Paul Hejlm und die A-Gruppe. Wie schon in "Misterioso" werden im Laufe der Geschichte allerlei Motive und Handlungsfäden eingeführt, so dass sich wieder ein großes, weltumspannendes und in diesen Tagen vor einem drohenden Irak-Krieg brandaktuelles strategisches Szenario entfaltet. Am Ende führt Dahl alle Puzzleteile konsequent zusammen, so dass ein äußerst dichter, spannender und bedeutungsreicher Roman entsteht.

Krimi - Politthriller trifft es vielleicht besser - ist "Böses Blut" nur auf der Oberfläche. Dadrunter brodelt es gewaltig. Das zentrale Motiv, das alle Handlungen entscheidende Moment, ist ein archaisches, wie es schon in der griechischen Mythologie vorkommt: Ein Vater-Sohn-Konflitk, ein Vatermord, ein Ödipus-Komplex, der sich hier jedoch in sein Gegenteil verkehrt. Dabei spielt dieser Konflikt auf allen Ebenen eine Rolle: Paul erwischt seinen Sohn wie er mit einem Kumpel Drogen handelt, der ermordete Literaturkritiker Lars-Erik Hassel hat, wie sich herausstellt, Sohn und Frau im Stich gelassen und ein menschliches Wrack hinterlassen, Norlander trauert seinem ungeborenen Sohn nach und nutzt einen One-Night-Stand um das Geschlecht am Leben zu erhalten, Nyberg hat ebenfalls zwei verlorenen Kinderseelen auf dem Gewissen und nicht zuletzt ist die Geschichte um den Kentuckymörder ein sowohl privater als auch politischer Vater- bzw. Sohnmord. Nicht nur der Kentuckymörder hat sich an seinem Sohn schuldig gemacht, auch er ist Opfer: Opfer seines leiblichen Vaters und Opfer von "Vater Staat".

Es ist vor allem diese zweite Ebene, die stark an die psychoanalytisch ausgerichtete Literatur der Zwischenkriegszeit in Skandinavien erinnert (v.a. Sigurd Hoels 'Begegnung am Meilenstein' (Møte ved milepelen)), die dem Roman ein zusammenhängendes, kohärentes Inneres verleiht, aus dem "Böses Blut" ungeheure Kraft und Spannung zieht. Das Private bleibt nicht länger privat, das Öffentliche, das Politische wird privat. Gut und Böse kann dabei nicht immer eindeutig unterschieden werden. Es geht um das immer gleiche Muster, das scheinbar nicht durchbrochen werden kann. So wird stets neuer Hass gesät, aber auch die vermeintlich Unschuldigen sind schuldig. Hass, Gewalt, Krieg - sie alle sind unser "uneheliches Kind", um mit einer passenden Metapher Sigurd Hoels zu sprechen. Die Gemeinsamkeiten im Motiv und in der thematischen Aufbereitung sind augenfällig, aber das mindert Arne Dahls Roman nicht im geringsten. Arne Dahl holt diese Problematik für uns in unsere Gegenwart und zeigt auf fürchterliche Art, wie aktuell sie immer noch ist.

Ging es bei Hoel um den Faschismus in Europa zu Anfang des 20. Jahrhunderts und um den 2. Weltkrieg, so sind hier isalmistischer Fundamentalismus - der Golfkrieg von 1991 stand hier Pate - und amerikanischer Kapitalismus die Antagonisten. Dahl zeigt den Machtmissbrauch auf beiden Seiten: Sowohl Saddam Hussein als auch die USA züchten Mordmaschinen heran, die nichts und niemand mehr aufhalten kann - Das liest sich vor allem in diesen Tagen besonders beklemmend. Gibt es Hoffnung auf eine Alternative zwischen beiden Extremen? Bei Dahl jedenfalls gibt es sie. Am Ende steht die Verzeihung. Es gibt ein besseres Morgen.

Vielen Dank an Alexandra Hagenguth
© 2003 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien

"Misterioso" von Arne Dahl

Große Strategie mit kleinen Schwächen


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Was hatten die drei schwedischen Geschäftsmänner gemeinsam, die auf dieselbe Weise kaltblütig hingerichtet worden sind? - Nicht genug, daß Paul Hjelm tief in einer Ehekrise steckt, jetzt ist er auch noch jenem Sonderkommando der Kripo zugeteilt worden, das "besondere Fälle" lösen soll. Und der mysteriöse Mord an den Geschäftsleuten gehört dazu. Eine erste Spur, die zu einer Geheimloge führt, erweist sich als Sackgasse. Daß die russische Mafia in den Fall verwickelt ist, scheint ebenfalls eine unhaltbare Hypothese. Paul Hjelm tappt im dunkeln. Wenn nicht seine attraktive Kollegin Kerstin wäre, hätte er längst das Handtuch geworfen. Doch dann die heiße Spur: ein Jazzstück mit dem Titel "Misterioso" ...

"Misterioso" ist der erste von zehn Bänden des Autors Arne Dahl um Kriminalkommissar Paul Hjelm und der A-Gruppe, dem Sonderkommando der schwedischen Kripo. Hier fällt vor allem auf, wie akribisch durchdacht das gesamte, auf zehn Bände hin komponierte, "Projekt Paul Hjelm" sein muss. "Misterioso" ist in dieser Hinsicht als Auftakt zu verstehen; der Autor nimmt sich die Zeit, die A-Gruppe zu gründen und die Charaktere peu à peu einzuführen und vorzustellen. Erst allmählich formt sich so beim Leser ein Bild von Protagonist Paul Hejlm und seinen Kollegen und man spürt intuitiv, dass die Zukunft Größeres verspricht. Jeder der Mitglieder der A-Gruppe scheint eine Leiche im Keller zu haben, die ihn für das Sonderkommando prädestiniert hat. Spannung(en) darf man wohl zukünftig auch an dieser "Front" erwarten!

Der Roman selbst wirkt mit all seinen Erzählsträngen, Motiven und Spuren wie ein großes strategisches Szenario. Steckt die russische Mafia hinter den Morden? Ist eine Geheimloge verantwortlich für den Tod an drei Top-Managern der schwedischen Wirtschaft? Sind sexuelle Perversionen das Motiv für die Morde? Oder liegt des Rätsels Lösung im wirtschaftlichen Bereich? Es zeigt sich, dass alle drei Wirtschaftsbosse Herrscher eines Imperiums waren, das in seinen wirtschaftlichen und politischen Verwicklungen kaum zu durchschauen ist.

Hier glänzt vor allem der Autor als Intellektueller mit profunden wirtschaftlichen und politischen Kenntnissen der Verhältnisse Schwedens Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre, der Zusammenhänge zur und Auswirkungen für die Gegenwart - der Roman spielt im Jahr 1999 - deutlich macht. Aber auch sonst muss das Pseudonym Arne Dahl über breites (Spezial-)Wissen verfügen: Von Jazz über Geheimorden bis hin zu Gepflogenheiten der russisch-estnischen Mafia zeigt er sich bestens informiert und macht hier ein breites Spektrum an Motiven auf.

Diese Vielzahl an Motiven, die zum einen in einer relativ anspruchsvollen Sphäre spielen und zum anderen tiefgehend und detailliert durchleuchtet werden, verlangt dem Leser mehr Konzentration und Mitdenken ab, als man es gemeinhin von anderen Vertretern schwedischer Krimis gewohnt ist. Erst gegen Ende kristallisiert sich immer mehr nur eine mögliche Spur als die richtige heraus. Das allerdings ist eine Spur, die erst sehr spät und fast schon zufällig eingeführt wird, weshalb "Misterioso" dann doch nach 3/4 des zurückgelegten Weges stark konstruiert wirkt. Das ist schade, denn was vielversprechend begann, endet schwach. Neben der ganz persönlichen Enttäuschung ist es vor allem auch Zufall oder das Schicksal, wie der Täter später berichten soll, das ihn Amok laufen lässt. Denn, so heißt es im Roman weiter, die Grenze zwischen Zufall und Schicksal ist "haarfein". Das Motiv des Zufalls bzw. des Schicksals muss nicht schlecht sein, sondern kann außerordentliche Kraft entfalten, wie es Thornton Wilders "Brücke von San Luis Rey" beweist. Leider aber nimmt sich Arne Dahl nicht die Zeit, dieses Motiv langsam zu entfalten und ihm so Stärke zu verleihen. Aber ich bin sicher, dass das, was sich in "Misterioso" an Strategie und Thematik bereits abzeichnete, in den nachfolgenden Romanen noch besser herausgearbeitet wird und eine neue, andere Seite schwedischer Kriminalliteratur eröffnet.

Vielen Dank an Alexandra Hagenguth
© 2003 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien

"Misterioso" von Arne Dahl

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Paul Hjelm, Inspektor der Stockholmer Polizei, in einer Ehekrise steckend, wird überraschend zu einer Sondereinheit der Reichskripo berufen: Drei erfolgreiche Geschäftsleute wurden durch gezielte Kopfschüsse hingerichtet während der Täter einem Jazzstück namens "Misterioso" lauschte.

Neben Hjelm sind dem Fall vier weitere Inspektoren, drei Männer und eine Frau, zugeordnet. Gemeinsam oder jeder für sich verfolgen sie Spuren, die unter anderem auf die russische Mafia hindeuten. Letztlich zeigt sich aber ein frustrierter entlassener Bankangestellter für die Taten verantwortlich. Das Motiv: Rache an der Geldmacht Schwedens.
"Misterioso" könnte ein besserer Roman sein, hätte sich Dahl auf weniger Ermittler und einen geradlinigeren plot beschränkt. So aber verliert der Leser schnell den Überblick über die vielen Ermittlungsfäden und Spuren. Die indirekte Verstrickung der russischen Mafia in den Fall wirkt konstruiert und an einigen Stellen reißerisch. Paul Hjelms sexuelle Phantasien schließlich sollen das Ganze mit einer Prise Erotik würzen.
Doch: Ein präziseres Abschmecken hätte "Misterioso" gut getan.

Vielen Dank an unsere Rezensentin Katja Perret.
© 2003 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien
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