Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
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Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
 
Arne Dahl - Sieben minus eins

Interview mit dem Autor Þráinn Bertelsson

Der Autor Þráinn Bertelsson
Der Autor Þráinn Bertelsson
© H. Helgadottir/Frettabladid
Im Jahr 2008 lernten wir in einem ersten Autoreninterview den Schriftsteller Þráinn Bertelsson kennen. Ende 2010 erschien nun "Höllenengel" bei dtv. Grund genug für unseren Redakteur Jürgen Ruckh den Autor erneut zu befragen und ihn über seine aktuellen und zukünftigen Projekte zu interviewen. Dieses ist auch in Hinblick darauf sehr interessant, da sein Leben eine unerwartete Wendung genommen hat.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
"Höllenengel" ist der Abschluss Deiner Trilogie, bestehend aus den Büchern "Dauðans óvissi Tími", "Valkyrjur" und dem nun auf deutsch vorliegenden Roman "Englar dauðans". Damit sind nun zwei Bücher der Reihe in Deutschland erschienen. Wird "dtv" auch den ersten Band veröffentlichen?

Þráinn Bertelsson:
Nein, "dtv" hat nicht nach den Rechten für den ersten Roman der Trilogie gefragt, der von den "Wikinger-Bankern" handelt, welche den Ruin der Wirtschaft von Island/Europa unter dem religiösen Banner des Marktes, als den Gott unserer Zeit, angeheizt haben. Das Buch erklärt teilweise, was in Island und ähnlich auch in vielen anderen Ländern geschehen ist und es handelt auch von dem am schnellsten anwachsenden Handelskonzern in Europa: der russischen Mafia und ihren Kollaborateuren.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Bei unserem letzten Interview hast Du gesagt, dass Du an einem neuen Kriminalroman arbeitest. Nicht mehr mit Vikingur als Hauptperson, sondern mit Dagný und Terje, die ja auch schon in dem Roman "Höllenengel" zu Hauptpersonen werden. Das Thema war, wie Du sagtest, Rassismus. Ist dieser Roman inzwischen fertig und auf Island erschienen?

Þráinn Bertelsson:
Dieses Buch liegt nun mit vielen anderen Dingen in meiner "Schublade für Unerledigtes". Seit wir uns das letzte Mal unterhalten haben, hat mein Leben eine unerwartete Wendung genommen. Nach dem Zusammenbruch der isländischen Wirtschaft und der sogenannten "Topf- und Pfannenrevolution" beschloss ich, in die Politik einzusteigen und nun finde ich mich im Parlament wieder. Die Arbeit dort ist eine Vollzeitbeschäftigung. Ich habe ein lebenslanges Interesse für die Politik - wie wir regiert werden - und ich denke, die Welt würde ein besserer Ort sein, wenn mehr Menschen ihre zivile Pflicht bedenken würden, sich an der Politik zu beteiligen, anstatt die politische Arena den professionellen Gladiatoren, den Politikern,  zu überlassen.


Buchtipp
KOMA
Literaturportal schwedenkrimi.de:
Für den Herbst nächsten Jahres ist die Veröffentlichung Deiner Autobiographie im Verlag "Mehring" angekündigt. Wie Du beschrieben hast, behandelt das Buch die Zeit nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges in Reykjavik und die Entwicklung vom Kind zu einem erwachsenen Menschen und seiner Sinnsuche. Meinst Du, dass das deutsche Lesepublikum diese Erfahrungen teilen kann?

Þráinn Bertelsson:
Es tut mir leid, mitteilen zu müssen, dass der Mehring Verlag aus dem Geschäft ausgestiegen ist, aus Gründen, die mit ihrer Verlagspolitik zu tun haben, da der Verlag sich auf die "politische Geschichte der Linken" spezialisiert. Und so schauen wir uns weiter nach einem deutschen Verleger für "Myself and I" um. Herauszufinden, was es für ein winziges menschliches Wesen bedeutet geboren zu werden und in einem kleinen Land in der abgeschiedensten Ecke Europas am Ende des Zweiten Weltkrieges aufzuwachsen, kann interessant für viele Leser sein. Island ist das Afghanistan von Europa.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Du hast es ja bereits angesprochen, dass Du einen Sitz im isländischen Parlament hast. Für welche Partei hast Du das Mandat erhalten? Was war Deine Motivation?

Þráinn Bertelsson:
Ich sitze für eine neue Partei, die zivile Bewegung, im Parlament, die seitdem durch eine Vielzahl von Qualen gehen musste, welches das Los jeder neu gegründeten Partei ist. Ich trennte mich von der Bewegung, als die drei anderen Kandidaten meiner Partei, die gewählt worden waren, beschlossen, unser politisches Versprechen gegenüber den Wählern: im Parlament für den Antrag einer Mitgliedschaft in der EU zu stimmen, zu brechen. Ich hielt das Versprechen und fand mich in der Minderheit in der Partei, die das Versprechen gegeben hatte und so trat ich der "Links-Grünen Bewegung" bei. Dies schien durch meine politischen Vorstellungen sinnvoll für mich zu sein: offenes regieren, Gleichheit (grob gesagt: höhere Bezahlung für die Armen, höhere Steuern für die Reichen) und ich denke auch, wir sollten die Natur mit Respekt behandeln, wenn mir möchten, dass unser Planet in der Lage ist, noch ein paar mehr Generation von Leben zu ernähren.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Wie sind Deine Erfahrungen als Politiker in diesen Zeiten auf Island? Ich habe auch gelesen und ich hoffe ich habe es richtig gelesen, dass Du 5% der Menschen als Idioten bezeichnet hast. Hast Du bestimmte Menschen gemeint oder ist das ein pauschaler Prozentsatz?

Þráinn Bertelsson:
Ja, ich habe in einem Interview darauf hingewiesen, dass die Isländer sich nicht von anderen Nationen unterscheiden, so dass zumindest 5% der Bevölkerung als Idioten bezeichnet werden können. Indem ich diese Tatsache dargelegt habe, betonte ich auch, dass ich alle Menschen gleich liebe, ohne Beachtung ihrer Intelligenz oder deren Mangel. Ich sagte dies, als ich versuchte, dass Argument anzubringen, obwohl zwar alle Menschen gleich sind und gleiche Rechte haben, gilt das nicht für ihre Meinungen. Meinungen sind überhaupt nicht gleich. Und sie sind nicht gleichwertig. Wenn ich mich recht erinnere, wurde diese Frage an mich gestellt, da irgendein Idiot gesagt hatte, dass die Regierung kein Geld für unnütze Dinge wie Kunst und Kultur ausgeben sollte. Manche Menschen können es nicht erwarten, in die Steinzeit zurückzukehren. Als Politiker plädiere ich dafür, in die andere Richtung zu gehen.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Bei unserem letzten Interview warst Du für einen Beitritt Islands in die EU. Bist Du immer noch dieser Meinung?

  Þráinn Bertelsson bei schwedenkrimi.de
Biografie
Autoreninterview 2010
Autoreninterview 2008
Buchvorstellung
Rezensionen
Þráinn Bertelsson:
Wenn die EU uns ein faires Übereinkommen über eine Mitgliedschaft anbietet, ja. Europa ist meine Heimat, physisch wie geistig. Es ist das, zu dem ich gehöre und ich möchte, dass mein Land ein aktiver Teil wird im Ausformen der Zukunft unseres Teiles der Welt.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Bist Du noch als Kolumnist für die Zeitung "Fréttablaðið" tätig?

Þráinn Bertelsson:
Nein. Ich vermisse meine Leser, doch die Politik, wie ich bereits sagte, ist im Moment eine Vollzeitbeschäftigung.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Nun sprechen wir über Dein Buch "Höllenengel". Es ist ein sehr blutiges und brutales Buch. Ich glaube, es gibt insgesamt 16 Tote, die mehr oder weniger grausam ermordet oder hingerichtet wurden. Ist die Ursache dieser Grausamkeit das "Business", in diesem Fall der Drogenhandel oder verroht die Gesellschaft in großem Maße?

Þráinn Bertelsson:
Krebs, HIV und andere Leiden sind gnadenlos, grausam und brutal. So ist die Welt der Drogen. Drogen ist ein brutales soziales Leiden. Wir haben einen langen Weg hinter uns seit dem behutsamen Gebrauch von Kokain als entspannende Droge durch Sherlock Holmes, ab und zu, wenn er Erholung braucht, in seinem anhaltendem Kampf mit dem üblen Professor Moriarty.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Kommen wir zum Punkt Gerechtigkeit. Ein Motiv in Deinem Roman ist die Suche nach Gerechtigkeit. Auf der einen Seite die "legale" gesellschaftlich definierte Gerechtigkeit, verkörpert durch Polizei und Justiz, auf der anderen Seite die alttestamentarische, mittelalterliche Gerechtigkeit, die "Lex Talionis". Die "Lex Talionis" war ein Versuch, ein gerechtes, wenn auch für unser Empfinden hartes Urteil zu finden. Streng nach dem biblischen Motto "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Aber es war ein Weg, um von der Blutrache, wie man sie auch aus alten isländischen Sagen kennt, in denen ganze Sippen ausgerottet wurden, wegzukommen. Muß man in der heutigen Zeit verrückt sein, um an dieses alten biblische Motto zu glauben?

Þráinn Bertelsson:
Bis zum heutigen Tag werden in Saudi-Arabien - ein Land, mit dem wir alle Geschäfte machen - einem Dieb, wenn er gefangen wird, seine Hand abgeschlagen wird, die "Lex Tallonis" ist immer noch in Gebrauch. In einigen Staaten der USA - ein Land, mit dem wir alle Geschäfte machen - werden immer noch Menschen hingerichtet, die menschliches Leben genommen haben. Sind die Araber verrückt? Sind die Amerikaner verrückt?
Ich weiß es nicht. Alles was ich weiß ist, dass der Mensch ab und zu ein sehr grausames und gefährliches Tier sein kann. Wenn jemand dich verletzt, kannst du murren "Ich könnte ihn umbringen". Die meisten Menschen werden keine Schritte unternehmen, um diesen Todeswunsch in die Realität umzusetzen, doch andere, die weniger Skrupel oder Moral haben, werden nicht zögern, dies zu tun.
Menschliche Wesen sind zur unendlichen Güte fähig, ebenso gibt es eine unendliche Düsternis in der menschlichen Seele. Ich finde es faszinierend ein menschliches Wesen zu sein und meine Spezies verpasst es nie, mich in Erstaunen zu versetzen. Die Kriminalgeschichte ist ein ausgezeichnetes Vergrößerungsglas, um unsere Spezies zu studieren, von dem gut gekleideten Körper auf dem Boden der Bibliothek in den Büchern von Agatha Christie, bis zu den blutigen und verstümmelten Psychopathen in "Höllenengel".

Literaturportal schwedenkrimi.de:
"Höllenengel" ist im Grunde, wie ich empfinde, ein deprimierendes, düsteres Buch. Die persönlichen Beziehungen zerbrechen. Auch daran, dass man nicht mehr miteinander reden kann. Die Gesellschaft lebt ihren Egoismus aus und die Polizei kann nur die Toten einsammeln. Eigentlich zeigt das Buch nur Hoffnungslosigkeit auf. Der Kampf gegen das Verbrechen, die Schieflagen der Gesellschaft, scheint verloren. Denkst Du auch so?

Þráinn Bertelsson:
Nein, ich denke nicht, dass die Engel den Kampf gegen die Dämonen verloren haben. Überhaupt nicht. Der Kampf geht weiter und weiter und in "Höllenengel" beschreibe ich einige der Verluste, die auf dem Schlachtfeld zurückbleiben. Es ist kein leichter Kampf. Leben ist nicht einfach. Aber natürlich gibt es Hoffnung. Die Welt kann ein ziemlich grausamer Ort sein, aber es heitert mich auf zu wissen, dass es trotz alledem mehr gute Menschen gibt die glücklich Kriminalromane lesen, als schlechte Menschen, die wirklich heimtückische Verbrechen verüben.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Sind es auch diese Gedanken, die Dich zur Politik gebracht haben? Der Zerfall der isländischen (westlichen) Gesellschaft, hervorgerufen durch die Verschiebung der Werte: Freiheit, Familie und auch Natur wird zerstört zu Gunsten eines Reichtums durch Ausbeutung.

Þráinn Bertelsson:
Ich habe ein lebenslanges Interesse an Politik gehabt, jedoch als die isländische Wirtschaft im Begriff war, auf Grund der kriminellen Fahrlässigkeit der führenden Politiker teilweise zusammen zu brechen, beschloß ich, dass die Zeit gekommen war, einen größeren aktiveren Anteil in der Politik einzunehmen. Es ist das größte Spiel in der Stadt!

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Die Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr ist vorüber. Nächstes Jahr ist Island Gastland. Was erwartest Du Dir von dieser Messe?

Þráinn Bertelsson:
Persönlich nichts, jedoch wird es eine große Ehre für die moderne isländische Literatur sein und vielleicht werden ein paar mehr Augen auf die Tatsache gelenkt, dass die Literatur und das Geschichten erzählen lebendig und wohlauf sind und die Saga Island immer noch seinen Mann steht.

Autor: Jürgen Ruckh/ Esslingen
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